Die Entscheidungen Nobelpreis-Komitees sind mitunter so überraschend – oder gar bizarr – wie die Entdeckungen der geehrten Forscher. So fällt dieses Jahr die Verleihung einer Hälfte des Physik-Nobelpreises an den sowjetischen Wissenschaftler Pjotr Kapitza aus dem üblichen Rahmen.

Pjotr Leonidowitsch Kapitza ist mit 84 Jahren viel älter als seine Mit-Laureaten. Seine preiswürdige Arbeit (und viele andere beachtliche wissenschaftliche Leistungen) liegt schon Jahrzehnte zurück: 1938 entdeckte Kapitza, ein Pionier der Tieftemperaturphysik, bei Experimenten mit flüssigem Helium, daß dieses Flüssiggas bei 2,2 Grad über dem absoluten Nullpunkt von minus 273,16 Grad Celsius (= 0 Grad Kelvin) bizarre, bei keinem anderen Element in keinem anderen Temperaturbereich jemals beobachtete Eigenschaften annimmt – diese Helium-II genannte Flüssigkeit wird, wie Kapitza es nannte, suprafluid ("mehr als flüssig").

Zweifellos ist Pjotr Kapitza einer der farbigsten und auch fähigsten Figuren der Forschung in diesem Jahrhundert. Er arbeitete in den zwanziger Jahren mit Lord Rutherford, dem großen britischen Atomphysiker, im berühmten Cavendish-Labor der Universität von Cambridge, England. Als erster Ausländer wurde er 1929 in die – prestigebeladene ty aufgenommen. Dreißig Ehrendoktortitel, vier Stalin-Preise, fünf Lenin-Orden und auch die höchste sowjetische Auszeichnung "Held der sozialistischen Arbeit" zieren seine Biographie.

Kapitza erregte 1934 weltweites Aufsehen, als er nach einem Vortrag – vermutlich unter dem Druck von Stalin – in der Sowjetunion blieb, die ihm einen "goldenen Käfig" in Form eines bestens ausgestatteten Labors einrichtete. 1946 weigerte sich der vielseitige Forscher, nach eigenen Angaben, an der Entwicklung der sowjetischen Atombombe mitzuarbeiten – wofür ihn Stalin ("nur", wie Kritiker sagen) bis 1953 unter Hausarrest stellte. An der überraschend schnell vollendeten ersten sowjetischen Wasserstoffbombe war Kapitza allerdings beteiligt. Er gilt überdies als Magnetfeld-Fachmann wie als Elektronikexperte und wurde zeitweise sogar als Vater der russischen Satelliten betitelt – was Kapitza allerdings bestreitet.

In den sechziger Jahren begann Kapitza, sich kritisch mit dem sowjetischen Wissenschaftsbetrieb und der sowjetischen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Freund und Feind belegten Pjotr Kapitza mit Attributen wie Don Quichotte der sowjetischen Wissenschaft "großer alter Mann der russischen Forschung" oder "undurchsichtige Gestalt".

Zwar war die Eigenschaft von Metallen, bei Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt elektrischen Strom nahezu verlustfrei zu transportieren (die Supraleitfähigkeit), schon 1911 von dem Holländer Heike Kamerlingh Onnes entdeckt worden, der auch drei Jahre zuvor schon Helium bei vier Grad Kelvin verflüssigt hatte. Doch erst Kapitzas Arbeit ermöglichte die Heliumverflüssigung in großem Maßstab. Und seine Entdeckung der Suprafluidität eröffnete eine ganz neue Welt bizarrer Materiezustände: Helium-II befindet sich in einem Quantenzustand, der sonst nur in Elementarteilchen vorkommt, und vermag deshalb zum Beispiel der Schwerkraft ungeachtet an Gefäßwänden hochzukriechen oder, einmal angerührt, nahezu ewig zu wirbeln.

Preise, so meinte der große alte Mann vor einigen Jahren, bekomme er nur "für die alten Sachen". An dem Tag, als ihm die höchste Auszeichnung seiner Profession verliehen wurde, war er nicht erreichbar. Sein Sohn, Sergej Kapitza, kommentierte die gute Nachricht: "Er hat so lange darauf gewartet." GH