Von Peter Laemmle

Es sind gefährliche Bücher, die er schreibt, weil man sich in ihnen verlieren kann, weil man süchtig wird nach ihnen. Und nur manchmal regt sich das schlechte Gewissen: Darf man sich denn so wohl fühlen bei diesen Büchern, sind sie nicht doch zu schmelzend-schön, zu konfliktlos, zu vergangenheitsselig?

Aber solche Einwände halten der verführerischen Kraft dieser Bücher nicht stand: "Es ist, wie wenn man umkippt in einer Schiffschaukel, womit er das Hinüberwechseln von der Wirklichkeit in etwas Phantastisches meinte" ("Tagebuch vom Überleben und Leben").

Ein merkwürdiges Phänomen – dieser Hermann Lenz. Einer, der gegen die Zeit, gegen die Kritik angeschrieben hat, unangefochten von literarischen Moden. Zu bewundern sind seine Unbeirrbarkeit, dieses geradezu rücksichtslose Bei-sich- und In-sich-bleiben-Wollen ("Schreibend wollte er in sich hineinschauen, sonst nichts" – heißt es einmal): Es ist die Kraft des Außenseiters, die von ihm ausgeht. Daß ihn der Ruhm jetzt eingeholt hat, nimmt er hin wie ein Geschenk, verwundert, als hätte er es nicht verdient. Peter Handke war sein Entdecker, sein erster Fürsprecher; merkwürdig auch dies, wie ein viel jüngerer, vom Erfolg verwöhnter Schriftsteller sich für den älteren, unbekannten einsetzt, als wäre es normalerweise nicht umgekehrt. Selten hat Handke mit einer ähnlich liebevollen Genauigkeit über einen anderen Autor geschrieben, derselbe Handke, von dem es so harte Urteile gibt wie etwa über Brecht

Das Werk von Hermann Lenz liegt jetzt mit zehn Bänden, in Ausgaben des Suhrkamp und Insel Verlags nahezu vollständig vor. Ein Werk, das längst für sich spricht, freilich, noch immer zu wenig bekannt, ein Werk, das gehoben werden müßte, wie ein literarischer Schatz. Erst dann läßt sich wohl endgültig das Klischee über Hermann Lenz ausräumen, das Klischee vom Idylliker, vom biedermeierlichen Schriftsteller, vom Konservativen, der sich aus einer beschädigten Gegenwart in die schöne alte Welt seiner Träume zurückzieht.

In Wirklichkeit ist das Werk von Hermann Lenz viel weniger konfliktlos, als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Von der Fähigkeit des leichten, scheinbar unbeschwerten Sprechens darf man sich bei ihm nicht täuschen lassen. Da ist einer, der sich manchmal schwäbisch betulich und erdverbunden gibt, verstörter und wurzelloser als man denkt. Nur: die Krisen sind bei ihm leiser, finden in Nebensätzen statt, werden verpackt in eine komische Verwunderung: "Schließlich war es so, daß alles floß, gewissermaßen: was ein gewisser Grieche schon seit langem gewußt hatte. Und eigentlich war es eine Gemeinheit, daß nirgends etwas Verläßliches existierte heißt es in dem eben erschienenen Roman "Tagebuch vom Überleben und Leben".

Es ist dies der (vorläufige) Abschluß jener autobiographischen Romanreihe über die erste Hälfte dieses Jahrhunderts (ein sehr süddeutsches Gegenstück zu Walter Kempowskis preußischer Familiensaga aus dem Zettelkasten): Nach der Kindheit und Jugend in Baden-Württemberg ("Verlassene Zimmer" und "Andere Tage"), nach der Studentenzeit in München und den Kriegsjahren ("Neue Zeit") notiert dieser Band Erinnerungsstücke aus der Phase zwischen dem Zusammenbruch von 1945 und der Währungsreform. Nichts Spektakuläres ereignet sich hier, es sind Momentaufnahmen aus dem gewöhnlichen Leben einer gewöhnlichen Kleinbürgerfamilie, die Sorgen der gerade noch Davongekommenen also.