Helmut Kohl gibt der Partei keine neue Orientierung – Eindeutige Antworten bleiben aus

Von Gunter Hofmann

Ludwigshafen, im Oktober

Weghören, empfiehlt der liberale Walter Leisler Kiep von der CDU. Die "Miesmacher" ignorieren, drängt die konservative Mathilde Berghofer-Weichner von der CSU. Das ferne Wahljahr 1984, so der gemeinsame Tenor, darf nicht als neues Datum für einen Wachwechsel in Bonn ins Auge gefaßt werden. Resignation ’raus, Hoffnung ’rein: Wie läßt sich das hinzaubern in einer Partei, in der man überall munkelt, bei der Wahl 1980 sei der Sieg nicht zu schaffen? Während des Parteitags in Ludwigshafen kam es für die Union darauf an, eben deshalb ein Psychodrama zu verhindern. Das ist gelungen. Dennoch wollte das Gefühl nicht weichen, am Horizont sei noch kein Silberstreif zu erkennen. Wo denn auch?

Trost und Hoffnung aus der bayerischen Botschaft schöpfen? Franz Josef Strauß hatte nicht die Muße, eine Ortsbesichtigung bei der CDU vorzunehmen. Aber er ließ den Geist schweben, seine stellvertretende Vorsitzende, und von Größe künden: Die CSU, gab Mathilde Berghofer zu bedenken, sei um ein winziges kleiner geworden, aber sie habe Reserven und könne auch wieder zulegen. Strauß persönlich sei der grandiose 59-Prozent-Erfolg zu danken. Ein Bollwerk gegen den Sozialismus müsse die Opposition bilden, weder ordnungspolitische noch moralische oder historische Konzessionen seien erlaubt. Der Strauß-Kurs stimmt, ließ Strauß mitteilen – ein Gedanke, den zu verdrängen sich die CDU während ihres Parteitages heimlich entschlossen hatte.

Nur wer diese Absicht nicht mitbekommen hatte, brach das Stillschweigen. Hans Karl Filbinger rieb sich an der Idee einer Vierten Partei, während die CDU-Spitze stumm da saß. Überhaupt sollten die Differenzen in der Sache gesucht, jene über Personen und Strategien durch Nichtbefassen erledigt werden. Eine Partei, die sich vom Kopf auf die Füße stellt, die sich ganz neu orientiert?

Von Helmut Kohl kam solche Orientierung nicht. Der Parteivorsitzende ist für die Union nach Ludwigshafen gewiß keine Hoffnung mehr. Zur stattlichen Zahl seiner alten Gegner kommt nun die Legion enttäuschter Liebhaber hinzu. Jetzt muß ihm ihre Bitterkeit in den Ohren klingen, der Weg zum Desinteresse ist nicht mehr weit. Wenn das Wünschen noch helfen würde, dann ersehnte sich die CDU gewiß jemanden, der sie an die Hand nähme und an Helmut Kohl vorbei – ohne ihn zu beschädigen, bitte! – ins Kanzleramt führte. Und das möglichst rasch.