Die Geschichte der menschlichen Flugleidenschaft ist romantisch verklärt. In den Vordergrund wurde Ikaros gestellt, obwohl seine einzige Tat, die bekannt wurde, der Absturz ist. Zum Helden, zum Symbol der menschlichen Höhenflüge, wurde Ikaros aus didaktischen Gründen hochstilisiert: Seine Geschichte, so wie sie allgemein aus Schulbüchern bekannt ist, kann nach Belieben ausgelegt werden. Man kann anschließend "Jugend, auf zur Sonne!" ausrufen oder "Junge Leute, haltet euch in Grenzen, sonst verbrennt ihr euch die Flügel!" mahnen. Dies ist sehr praktisch.

Hinter dem romantischen Glanz der Legende verschwanden in der Vergessenheit viele wichtige Details der Geschichte von Daidalos und Ikaros. Zum Beispiel, daß Daidalos die Flügel nicht aus reiner Erfindungs- und Entdeckungslust konstruierte, sondern als Mittel zur Flucht aus dem Labyrinth, in das er mit seinem Sohn von König Minos eingesperrt worden war. Somit war es vielleicht nicht der romantische jugendliche Übermut, der Ikaros in die Höhe führte, sondern einfach Angst, der häufigste und am sorgfältigsten verheimlichte Motor des menschlichen Handelns.

Zugegeben, Daidalos’ Qualifikation als Legenden-Held ist ein wenig zweifelhaft. Er hat zwar auf romantische Weise die abenteuerliche Flucht aus dem Labyrinth vorbereitet – er hat aber auch das Labyrinth selbst erbaut. Er war ein genialer Baumeister und Erfinder – hat jedoch sein Genie dem Despoten Minos zur Verfügung gestellt; er war von ihm abhängig, weil er aus seiner athenischen Heimat flüchten mußte, nachdem er seinen Neffen Talos aus Konkurrenzneid ermordet hatte. Kurzum: Er war keineswegs mehr so jung, schön und unschuldig wie sein Sohn Ikaros. Und er hat die Flügel aus Not erfunden, nicht aus reiner Freude an der Kreativität. Irgendwie schämen sich die Menschen dafür, wenn sie etwas aus praktischen Gründen tun; romantisch ist nur, was als physische oder geistige Kraftprotzerei entstand.

Dabei ist die Flucht ein starkes und zuweilen heroisches Motiv, dessen man sich nicht schämen müßte. Den Fluchtbewegungen ganzer Stämme und einzelner Menschen verdanken wir die geographische Eroberung und Besiedelung des Erdballs. Flüchtlinge übertrugen und verbreiteten Wissen, Technik, Handel zwischen entfernten Völkern, sie waren die ersten Pioniere dessen, was man Kulturaustausch nennt, und betätigen sich auf diesem Felde auch heute noch. Ich vermute, daß das British Empire einst dank einer großen Flucht entstand – die Briten waren bereit, bis an das Ende der Welt zu gehen, um der englischen Kost und dem Puritanismus zu entfliehen.

Alle weiteren Flugpioniere, all die Blériots, Lilienthals und Wrights waren Erben des Daidalos, nicht des Ikaros. Es waren sehr praktische und technisch versierte Romantiker, der Erfolg ihrer Bemühungen beweist es. Ich kenne ihre Lebensläufe nicht, bin jedoch überzeugt, daß hinter ihnen irgendeine Not und auch irgendeine Flucht-Sehnsucht stand, sei es nur die Flucht vor der Armut oder vor der Eintönigkeit der Berufsroutine. Der letzte "reine" Romantiker der Luftfahrt war wohl Leonardo da Vinci, er zeichnete und berechnete seine Flugmaschinen nur so aus geistigem Übermut. Auch er war aber ein vorsichtiger Romantiker, denn er versuchte nicht, seine Maschinen zu bauen.

Die spätere Geschichte der Luftfahrt ist nur noch technisch interessant und bar jeder Romantik. Die Luftfahrt ging den Weg aller Erfindungen – sie verdingte sich dem Geschäft und dem Töten von Menschen. Die Fliegerhelden, ob im Krieg oder im Frieden, handelten auch nie aus purer Kraftprotzerei. Helden sind Menschen, die vor sich selbst flüchten, die der eigenen Angst entfliehen wollen. Oder aber verblendete, gehorsame Trottel.