Von Viola Roggenkamp

Neumünster

Anfangs hatte von den "schreibenden Knackis" der Jugendstrafanstalt Neumünster draußen kaum jemand Notiz genommen-Inzwischen fand die dort verfaßte Literatur ein interessiertes Publikum. Bis hinauf zu Schleswig-Holsteins Justizminister Henning Schwarz (CDU), Dem allerdings ging die von jugendlichen Straftätern verfaßte Knastlektüre derartig gegen den Strich, daß er kurzerhand die Textwerkstatt schließen ließ und ihrem Initiator und Leiter, dem Kieler Pädagogen Lothar Viehöfer, den Stuhl vor die Tür stellte. Offizielle Begründung: Für die einsitzenden Jugendlichen, die häufig nicht einmal den Hauptschulabschluß hätten, sei in erster Linie die Vermittlung schulischer und beruflicher Abschlüsse erforderlich.

Dagegen wird niemand etwas einwenden wollen. unklar bleibt, warum sich dies mit der Textwerkstatt nicht vereinbaren lassen soll. Die Schreibübung fand einmal wöchentlich abends in den Unterrichtsräumen statt, die zu diesem Zeitpunkt sowieso leerstehen. Sie wurde finanziell nicht vom Ministerium getragen, sondern ausschließlich vom Resozialisierungsverein "Nordhelp", dessen zur Zeit prominentestes Mitglied just der Justizminister ist,

Viehöfers Kurs, bemängelte die Landesbehörde, fordere nicht die Einsicht in den Sinn der Strafe. Auch sei, so verlautete, in den Texten viel zuwenig von den Opfern die Rede. Daß der Strafvollzug in der Gefangenenliteratur nicht eben gut abschneidet, ist verständlich, denn die Gefängnisprosa ergreift Partei für die Insassen, Im übrigen ist von Literatur bislang noch nicht Überparteilichkeit verlangt worden.

Den Haftkoller oder Selbstmordgedanken abzubauen, haben viele beim Schreiben vermocht Ein Häftling: "Die Schriftsprache kennt der ‚Durchschnittsgefangene‘ nur aus Anklagen, Urteilen, Vorschriften oder Groschenromanen. Sie wurde bisher immer gegen ihn verwendet. Aber in diesem Kurs wurde nicht nur Deutsch gelernt. Während dieser Arbeit wurde nebenbei Gruppenverhalten geübt. Die Lernprozesse im sozialen Bereich verliefen zwar meist unbewußt. Ich zähle sie aber als Erfolg der Textwerkstatt, da nur in dieser Gruppe eine Alternative zur üblichen Hackordnung in den Knast-Cliquen geboten wurde."

Was nun die Opfer angeht, so sind sie nicht selten abstrakt. In Neumünster sitzen zur Zeit über 200 Jugendliche ein. 35 wegen Fahnenflucht, Eine Bundeswehr-Ballade dürfte von ihnen kaum zu erwarten sein. Bei den zahlreichen Drogenabhängigen käme als Opfer im Zweifelsfall die aufgebrochene Apotheke in Frage. Jedoch sind in diesem Fall die Süchtigen selbst, das bemitleidenswertere Opfer.