Trotz wiederholter Beteuerungen der Bundesbank, die jetzt beschlossene Erhöhung der von den Kreditinstituten zinslos zu hinterlegenden Mindestreserven um rund vier Milliarden Mark stelle keinen zinspolitischen Kurswechsel dar, hat diese Maßnahme die bei den professionellen Wertpapieranlegern ohnehin schon vorhanden gewesene Nervosität gesteigert. Aber wohin mit dem Geld – wenn nicht in Aktien. Eine Frage, mit der sich auch die Kundenberater der Kreditinstitute zunehmend auseinandersetzen müssen.

Immer zahlreicher werden die Banken, die ihrer Kundschaft nahelegen, doch wenigstens einen Teil der in den vergangenen Monaten entstandenen Kursgewinne sicherzustellen, auch wenn die Kapitalmarktexperten der Institute einen weiteren Anstieg bestimmter Papiere durchaus noch für möglich halten. Doch jede Verkaufsempfehlung wird mit der Gegenfrage beantwortet: "Und was soll ich mit dem Geld machen?"

An diesem kritischen Punkt finden die meisten Gespräche bereits ihr Ende. Denn für den Kunden befriedigende Wiederanlagevorschläge vermag eigentlich niemand vorzulegen. Festverzinsliche Papiere als Alternative sind wegen der in Gang gekommenen Anhebung der Zinsen kaum zu verkaufen, die Festgeldsätze werden als indiskutabel niedrig empfunden, und von Aktien auf Bundesschatzanweisungen umzusteigen, fällt vielen Anlegern offensichtlich sehr schwer.

Dabei liegt der Nutzen in festverzinslichen Anlagen nicht in ihrer – sicherlich bescheidenen – Rendite, sondern im Vermeiden von Kursverlusten bei den Aktien oder in der Chance, die heute "teuer" verkauften Papiere nach einiger Zeit billiger zurückkaufen zu können. Daß sich auch auf diese Weise Geld verdienen läßt, ist dem privaten Aktienanleger nur schwer klarzumachen. Er trennt sich nur ungern von Aktien, mit denen er (auf dem Papier) gutes Geld verdient hat.

Dies um so weniger, wenn gleichzeitig Experten dem deutschen Aktienmarkt noch Kursreserven bescheinigen. So halten die Analysten der Deutschen Gesellschaft für Anlageberatung mbH (Degab), an der die Deutsche Bank und die Schweizerische Kreditanstalt beteiligt sind, Kursavancen auf Grund geschätzter Gewinnverbesserung von acht bis zehn Prozent für möglich.

Gefahrenmomente sieht die Degab in der kommenden Lohnrunde, deren Abschlüsse nicht über die dieses Jahres hinausgehen dürften, und in dem geplanten europäischen Währungssystem, falls nicht sichergestellt wird, daß – ein Inflationsimport ausgeschlossen bleibt; Die Bundesbank wird nicht als Gefahrenherd angesehen, weil sie bestenfalls abschöpfen, keinesfalls aber restriktiv fahren werde.

Gerade das hat Bundesbankpräsident Emminger als Begründung für die jüngste Mindeste reservenerhöhung angeführt. Von den knapp 14 Milliarden Mark, die seit Juni aus dem Ausland eingeströmt sind, nimmt die Bundesbank "nur" vier aus dem Markt. Drei Milliarden sind vor-, her durch den Verkauf von Mobilisierungstiteln aufgesogen worden. Wenn dennoch: Mißtrauen und Unwillen gegenüber dem Schritt des Zentralbankrates entstanden sind, dann aus folgenden Gründen: Wollte man nur das eingeflossene Auslandsgeld "einfangen", so wird argumentiert, hätte sich die Bundesbank auf eine Erhöhung der Mindestreserven für Auslandseinlagen beschränken können. Jetzt müssen auch solche Institute ihre Mindestreserven aufstocken, die traditionsgemäß nur geringe Auslandsgelder halten, also auch die Sparkassen und Volksbanken. Hier wirkt die Maßnahme echt restriktiv. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem sich gerade in diesem Bereich das Kreditgeschäft kräftiger zu beleben beginnt.