Günter Maschke, einst sympathisierender Beobachter in Kuba, erinnert sich an den Revolutionstourismus vor zehn Jahren

Die Begeisterung der westdeutschen Studentenbewegung über den kubanischen Sozialismus in den 60er Jahren ist bekannt. "Che" Guevaras Vision vom Neuen Menschen; das Charisma Fidel Castros, die Tapferkeit des kleinen Landes gegenüber den USA: Kein Wunder, daß eine sich revolutionär dünkende Gruppe wie die Westdeutsche Linke, ohne Verankerung in der Tradition, schnell beeindruckt war.

Im "Castroismus" sah die Linke nicht nur die eigenen Ziele verwirklicht, sondern der romantisch interpretierten oder gar nicht bekannten Wirklichkeit Kubas wurden sogar die eigenen Wertmaßstäbe entnommen. Die Motive und die Sehnsüchte, das geistige Niveau und die politische Moral der westdeutschen Studentenbewegung von 1968 enthüllten sich am deutlichsten in deren Verhältnis zu Kuba. Die Insel besaß damals, zehn Jahre nach der Revolution, immer noch keine Verfassung.

Das wurde mit dem Argument begründet, daß eine Verfassung dem sozialistischen Aufbau Zwang antue, und die schöpferische Energie der Massen nur lähmen könne.

Weil es keine Bürokratie nach sowjetischem Vorbild gab, schloß die Neue Linke, daß die Führer der Revolution sich mit dem kubanischen Volk in "brüderlichem Dialoge" zusammenfänden.

"Bürokratie" wurde ja grundsätzlich nur verstanden als Kafka-Alptraum, als eine anonyme Karteikasten-Welt totaler Entfremdung.

Es wurde auf der Linken nicht begriffen, daß nur die normierte Regelung ein Klima des Vertrauens und der Diskussion schafft, daß nur die Abschätzbarkeit und Verbindlichkeit bürokratischer Entscheidungen die Alternative sein kann zur Willkürherrschaft der charismatischen Führer.