Von Nina Grunenberg

Wer spricht von Siegen? Helga Schuchardt, die Hamburger FDP-Politikerin, hat in den vergangenen Jahren so oft und so unbekümmert gesiegt, daß niemand davon sprechen mußte. Für linksliberale Mutproben schien die 38jährige Politikerin wie geboren. Hochgemut verstand sie sich und ihren Landesverband einmal als "Hefe im Kuchen der Bundespartei". Kampfabstimmungen waren nicht nur ihr Schicksal, sie waren auch ihr Element. Das zeigte sie 1975, als sie an der Spitze einer "neuliberalen" Basis gegen den "altliberalen" Vorstand der Hamburger FDP kandidierte und gewann. Das wiederholte sich ein Jahr später, als sie Victor Kirst, den Steuer- und Haushaltsexperten der FDP-Fraktion im Bundestag, in einer Kampfabstimmung von Platz eins der Hamburger Landesliste boxte und an seiner Stelle in das Parlament einzog.

Damals war abzusehen gewesen, daß der zweite Platz auf der Liste, auf dem sie selber 1972 den Sprung nach Bonn gerade noch geschafft hatte, 1976 nicht mehr zu holen sein würde. Aber über den jugendlichen Schwung und die eindrucksvolle Bedenkenlosigkeit, mit der die Politikerin den hilflos protestierenden Kirst damals auf Beton fallen ließ, wurde in Hamburg noch lange gestaunt.

Am vergangenen Wochenende hat Helga Schuchardt noch einmal gesiegt. Zum drittenmal wurde sie zur Landesvorsitzenden ihrer Partei gewählt.

Aber diesmal fehlte der Glanz. Auch die linksliberalen Bekenntnisse, eine Spezialität der Hamburger Partei, wirken nur noch halb so hypnotisierend auf die Mitglieder, seit der FDP bei den Bürgerschaftswahlen vor fünf Monaten die Hälfte ihrer Wähler verlorenging. Von 10,9 Prozent im Jahre 1974 blieben noch 4,8 Prozent übrig. Die FDP mußte aus Regierung und Parlament des Stadtstaates ausscheiden.

Helga Schuchardt macht jetzt zum erstenmal in ihrer politischen Karriere die Erfahrung, daß Überstehen schon alles sein kann. Der überwältigenden Ratlosigkeit in der Hamburger Partei begegnete sie am Wochenende mit der Durchhalteparole: Hier stehe ich, ich will nicht anders – aber sicher ist sie ihrer selbst nicht mehr. Als nach der Wahl das Unheil in der Partei seinen Lauf nahm und die große Abrechnung jener "Altliberalen" begann, die die Bürgerferne der Schuchardt-Anhänger schon immer beklagt hatten, ging sie auf Tauchstation. Zuerst nach China zu einer Bildungsreise für Bundestagsabgeordnete. Anschließend machte sie mit Ehemann Wolfgang Ferien auf Bali. Sie hatte keinen Mumm mehr und brauchte eine Pause von der Politik. Sie spielte wohl auch ehrlich mit dem Gedanken, sich aus dem Hamburger Landesvorstand zurückzuziehen.

Doch das hatten in der Zwischenzeit schon andere getan. Dieter Biallas, der sich als Zweiter Bürgermeister in der Koalition mit der SPD einen Ruf als "Millionendorf-Machiavelli" (FAZ) erworben hatte, nahm alle Schuld auf sich und geht als Albert-Schweitzer-Double nach Afrika in die Entwicklungshilfe. Maja Stadler-Euler, die Fraktionsvorsitzende der FDP in der Bürgerschaft, entzog sich dem Ruf der Verantwortung ebenfalls nicht und setzt erst einmal auf eine gesicherte berufliche Position: Sie wird Rechtsanwältin. Ein dritter verschwand, um als Justizsenator in Berlin eine liberale Lücke zu schließen, ein vierter macht Karriere in der Bundeswehr – und so weiter: Die Konjunkturritter der sozialliberalen Reformzeit haben nun auch in Hamburg das Feld geräumt. Keiner von ihnen hat Max Webers dicke Bretter gebohrt.