Von Hans Schueler

Die berühmte "schweigende Mehrheit" wurde bislang meist zu konservativen Unterstellungen herangezogen: Sie sei für mehr Obrigkeit, mehr Staatsräson, für härteres Durchgreifen gegen Rechtsbrecher – sie wolle das nur nicht sagen, vielleicht aus Resignation, vielleicht in der irrigen Annahme, doch nur eine verfemte Minderheit zu bilden. Über fiktive Meinungen kann man lange streiten.

Der Regierungsentwurf des Transplantationsgesetzes läßt sich darauf gar nicht erst ein. Er nimmt das Schweigen des Bürgers kurzerhand beim Wort und wertet es als Zustimmung. Er deutet es in die erklärte Bereitschaft um, sich zum Organspender machen zu lassen oder, polemisch ausgedrückt, den eigenen Körper als Ersatzteillager für medizinische Reparaturzwecke zur Verfügung zustellen,

Wer schweigt, scheint zuzustimmen, sagten schon die alten Römer. Moderne, aufgeklärte Staaten haben die Gültigkeit dieses Satzes wohlweislich auf das Handelsrecht beschränkt: Damit mögen Kaufleute einander betrügen. Der Staat sollte so etwas nicht nötig haben.

Niemand läßt sich gern überlisten, auch nicht zu einer guten Sache, für die er freiwillig einzutreten und sogar ein Opfer zu bringen bereit wäre. Ein Staat, der sich die Hilfsbereitschaft seiner Bürger erschleicht und sich womöglich dabei noch eines selbsterzeugten Meinungsdrucks bedient, setzt sich dem Vorwurf der Unverschämtheit aus. Die Deutschen zumal haben ja mit der erlisteten und erzwungenen "Freiwilligkeit" ihre speziellen Erfahrungen.

Ob die Absicht bei solch heimlich-hinterhältiger Verpflichtung edel ist oder nicht, spielt eine nachgeordnete Rolle. Der staatliche Organgewinner beim Einwohnermeldeamt stellt nur das ins Positive gewendete Gegenstück des polizeilichen Agent provocateur dar: Er will sich eine Niere, die getarnte Funkstreife, die eine Geschwindigkeitsbegrenzung bewußt mißachtet, um nachfolgende Autofahrer zu verführen, will sich ein Strafmandat erschleichen.

Den Staatlichen Zwang durch ein Transplantationsgesetz, würde er denn offen geübt, könnten wir eher ertragen als staaliche List. Er ließe sich sogar einwandfrei aus der Verfassung begründen. Und mit ihm würde, das Kommissariat der deutschen (katholischen) Bischöfe samt der CDU/CSU-Opposition, die zur Zeit gemeinsam mit den Liberalen gegen den derzeitigen Entwurf Front machen, sogar in arge Verlegenheit bei der Motivation weiteren Widerstandes gebracht.