Von Wolf Wondratschek

Das wird nie und nimmer ein Bericht über die Frankfurter Buchmesse, dazu fehlen mir wirklich alle Kenntnisse. Ich habe an keinem noch so kalten Büfett um Kaviarbrötchen gekämpft. Ich habe keiner Dichterlesung gelauscht, keine Verkaufsgespräche geführt oder mitverfolgt. Ich bin den Feierlichkeiten morgens, mittags und abends ferngeblieben, weil ich ja weiß, daß ich dort (schon auf mich selbst) wirke wie die Stecknadel, die man fallen hört. Ich habe jedwede Berichterstatter schlicht vernachlässigt. Meine lächerliche Zusage aber, zu so einer Veranstaltung subjektiv mich zu äußern, werde ich erfüllen.

Da ist er wieder, dieser Schock, über den man ja bestens Bescheid weiß. Da ist man ein ganzes Jahr – lang, damit beschäftigt seine Arbeit als Schriftsteller zu tun, allein meistens, sehr allein sogar, in Freude wie in Verzweiflung allein, und wir alle, die Ausnahmen, werden hier wieder zur Regel gemacht. Plötzlich die Konfrontation mit dem schieren Millionenangebot an Büchern aus aller Welt, den Hochglanzumschlägen, den Bestsellern. Bücher, Bücher, Bücher. Ich glaube nicht, daß irgendeiner ohne dieses Entsetzen davonkommt, daß es doch nicht gerade ermutigend ist, über diesen Tatbestand lange nachzudenken, zumal es ihm die Lust auf Sinnerfüllung, zumal wenn er Schriftsteller ist, der er nachhängt, verderben kann. Ich habe einen neuen Gedichtband veröffentlicht, und da existieren nun meine hundert Seiten Poesie zusammen mit allem, allem anderen. Na gut, Wettbewerb. Aber wessen und unter welchen Bedingungen? Beim Herumgehen habe ich immer wieder den Satz aufgeschnappt: "Das ist ein ganz wichtiges Buch hier." Und zwar in allen Facetten der Suggestion formuliert. Das wichtigste Buch, wie oft wurde das gesagt in den wenigen Tagen der Messe. Von jedem Verleger, dem größten wie dem kleinsten, zu fast jedem, der in der Branche so oder so etwas bedeutet. Und hier auf der Messe scheint nun jeder etwas zu bedeuten. Eine absurde Inflation von Wichtigkeit – die Menschen, die Bücher, das Geschäft. Und dazwischen die Angestellten dieser Branche und die Buchhändler, auch nicht gerade ein euphorisierender Anblick.

Sind alle diese Bücher, denke ich dann, genauso mühsam und schwer zustande gekommen wie mein eigenes? Was ich sehe, läßt eher auf das Gegenteil schließen. Soviel wahre persönliche Erfahrung niedergeschrieben in so vielen Büchern? Soviel selbstquälerische Intelligenz? Sitzt denn, so hat es den Eindruck, das ganze deutsche Volk (und das überseeische auch) nur noch an den Schreibmaschinen und tippt und der Rest der Bevölkerung druckt, verlegt, verkauft, kritisiert und bemüht sich, ein wenig bei Verdienst zu bleiben bei all dem, was doch längst schon eine grotesk industrialisierte Privatheit darstellt?

Wie reagiert man denn im Gemüt, wenn man tausendmal den Satz hört "Dieses Buch ist wichtig"? Man wendet sich ab, und dort wo man sich hinwendet, eine andere Absurdität. Da geht Helmut Kohl, umringt von seinen Kaugummi kauenden Guards, durch einen der Gänge. Und plötzlich, ich höre es, gibt es Erregung. Nicht daß sich viele Menschen darum kümmern, daß hier der blasse Oppositionschef braungebrannt erschienen ist und seine Aufwartung macht, aber da trifft Kohl an einem der Buchstände auf offensichtlich zwei seiner politischen Gegner. Wer ist es? Bitte: Adolf von Thadden und Egon Bahr. Nun weiß ich, was ich erinnere, daß Kohl nämlich den Herrn Bahr zum Beispiel für einen der gefährlichsten Männer der Koalition hält (Schaukelpolitik, Bahr-Geheimabsprachen). "Dieser Mann ist eine Gefahr für die westliche Welt". Und der andere, der Ex-Extremist Thadden, erinnern Sie sich: Führer der NPD damals. Ich kenne die offiziellen Reden im Fernsehen. Aber hier nun Handschlag um Handschlag, wo ich eher an Kantenschläge denke, an moralische Prinzipien. Aber nein, diese drei Herren stehen da und amüsieren sich wie drei Skatbrüder. Sie machen was? Tun es für wen? Empfinden was? Mag man es für meine naive Ignoranz ansehen, daß ich darüber nachdenke. Diese drei Herren, einander schulterklopfend nahe, nichtssagende Floskeln von sich gebend, aber doch um eines bemüht: dieses verlogene Demokratiegefühl von der Pluralität der Meinungen hier zu. dritt zu demonstrieren. Eine Fatalität besonderer Art, abstoßend für mich aus vielen Gründen. Und typisch für die Eitelkeit, die leeren Gesten, hohlen Sprüche, unverbindlichen Bedeutungen.

Noch ein anderer Politiker hat sich mir blitzartig und unwirklich eingeprägt. Als ich Sonntagmorgen das Hotelzimmer in Frankfurt verlasse, um bald nach München zurückzufliegen, sehe ich noch die ersten Bilder der gerade beginnenden Fernsehübertragung aus der Paulskirche. Festliche Verleihung des Friedenspreises an die Geehrte, Astrid Lindgren. Neben ihr in der ersten Reihe sitzt Holger Börner, Wahlsieger, Ministerpräsident. Da sitzen sie beide, aber wer sieht es denn nicht: Neben dieser einfachen und klugen Frau, das Gesicht herb wie ein Herbstblatt, die Augen schlau und unbeeindruckt von der Würde, die die sie Umgebenden nur repräsentieren, während die Kinderbuchautorin sie hat – neben ihr sieht der Spitzenpolitiker wie ein monströses Kleinkind aus. Die Haare gescheitelt wie von der Mutti, und diese vermaledeite Kleidung so früh am Vormittag. Warum nicht, denke ich, ein Matrosenanzug, wäre das nicht schön und wahr? Da sitzt er, und was soll er machen außer Dingen wie: Blick auf die Schuhspitzen, Rütteln an den Hemdmanschetten, Glattstreichen der glänzendglatten Krawatte, Falten, öffnen und Halten der Arme über dem Bauch, das Befingern des einen Knopfes am schwarzen Anzug. Also was nun, will er ihn abreißen? Soll das Jackett nun geöffnet oder zugeknöpft werden, und warum immerzu? Jedenfalls hantiert er herum, während sofort schon beim ersten Begrüßungsredner, dem Vorsitzenden des Börsenvereins, die Rede ist von Freiheit, von der Welt, in einem Nebensatz, wie sie eben ist. Und gleich auch davon, daß wir alle doch eigentlich wirklich nur einen Traum bewahren, den der Kindheit, den zerbrochenen, zerschlagenen, geraubten, verstümmelten, poetischen Wunsch, die Einheit der Welt illusionär noch einmal zu erfahren in der Liebe zu den Träumen und Unwirklichkeiten der Phantasie.

"Schreiben heißt", schrieb Antonia Artaudi "den Geist daran zu hindern, sich inmitten der Formen zu regen wie ein tiefer Atem. Denn die Schrift hält den Geist fest und kristallisiert ihn zu einer Form, und mit der Form beginnt der Götzendienst."