Von Michael Buselmeier

Wann immer der neuen Lyrik eine "schicke halblinke Melancholie", "kostenlose poetische Menschenfreundlichkeit", "additive Beliebigkeit" und "sprachliche Schlamperei" vorgeworfen wurden (etwa von Jörg Drews, 1977), war der vierzigjährige Christoph Derschau mitgemeint. Sein erster Gedichtband "Den Kopf voll Suff und Kino" (Maro Verlag, 1976) erschien, von Ausstattung wie Inhalt her, einigen Kritikern geradezu als Prototyp einer undergroundhaften Produktionsweise, die "vor der Sprache kapituliert" habe. Diese Gedichte seien – so Harald Hartung in der "Neuen Rundschau" 2/78 – nichts weiter als "in Zeilen abgeteilte Tagebucheintragungen".

Gemessen am "Sprachlichen Kunstwerk" der fünfziger Jahre, dessen Regeln im Zug der "Tendenzwende" wieder hochgehalten werden, hat kaum einer jener lyrischen Rebellen noch eine Chance, die in den letzten Jahren versucht haben, im Gedicht zwischen Poesie, Politik und Leben zu vermitteln und den Abstand zwischen Autor und Leser zu verringern; schon gar nicht Christoph Derschau mit seinen "Gelegenheitsprodukten": "Ich bringe einer Freundin ein Gedicht mit, das ich auf dem Weg zu ihr verfaßt habe, hinten drauf auf einem Briefumschlag oder so." Derschau ist der heute unpopulären Ansicht, daß "in jedem, der lesen und schreiben gelernt hat, ein potentieller Dichter steckt".

Ein zweiter Gedichtband –

Christoph Derschau: "Die Ufer der salzlosen Karibik – Breitwandgedichte über Städte, Stars und starke Frauen"; Verlag Pohl ’n Mayer, Kaufbeuren, 1977; 93 S., 12,– DM

enthält Liebesgedichte, Texte auf verehrte Filmstars, literarische Freundschaftsgedichte (für Ernst Meister, Achternbusch, Bukowski), Reise- und Kneipenpoeme – Gebilde, die (unter Ausklammerung ihrer Entstehungsbedingungen) leicht zu denunzieren sind. Fast in jedem findet man seichte, sentimentale, undurchdachte Passagen: schlechte Unmittelbarkeit zu den Gegenständen.

Andererseits drückt Derschau wie kaum ein anderer Gegenwartslyriker das befreiend-freche Lebensgefühl einer subkulturellen Jugend aus: Aufbruchsstimmung, Unterwegssein, private Anschon Poesie? Wie--die amerikanischen Lyriker der Beat- und Popgeneration pfeift Derschau auf Seriosität und sprachliche Korrektheit, das heißt auf den bürgerlichen Kunstanspruch, aber, letztlich fehlt es ihm doch an Kraft, an Entschlossenheit zur radikalen Alternative; Er bewegt sich locker im Grenzbereich der Generationen und Kulturen (der niederen und der etablierten), und so mischt sich in seinen Gedichten der subkulturelle Jargon unbekümmert mit tradierten lyrischen Metaphern und Vergleichen: