Das Pulver hat er nicht erfunden, doch er hat es bestens verstanden, sein Pulver zu Markte zu bringen, und damit ist ihm zugleich ein herausragendes Stück deutscher Markenartikel-Geschichte gelungen: dem Bielefelder Apotheker Dr. August Oetker. 1891 übernahm der Sohn eines Bäckermeisters die Aschoffsche Apotheke im Zentrum Bielefelds. Doch er hatte sich das Ziel gesetzt, "noch etwas ganz Besonderes zu schaffen". So beglückte er denn seine Kundschaft mit einem halben Dutzend neuer Medikamente, als deren "einzigem Fabrikanten des Kontinents" er sich pries.

Ein Problem freilich lag ihm besonders am Herzen: Nicht immer, so hatte er schon im Elternhaus gelernt, gelingt der Sonntagskuchen. Wohl hatte schon in den sechziger Jahren Justus von Liebig ein Treibmittel entwickelt, das jedoch noch rasch verdarb. Es fehlte an einem Treibmittel, das nicht nur das Aufgehen des Kuchens gewährleisten mußte, sondern auch haltbar und geschmacksneutral sein sollte. Nach zwei Jahren hatte der Apotheker sein Pulver gefunden.

Gleichermaßen bahnbrechend war eine andere Idee des August Oetker: Der junge Apotheker nämlich verkaufte sein Backin, wie das Backpulver bis heute heißt, in Tütchen abgepackt, und zwar in einer Menge, die für 500 Gramm Mehl ausreichend war. Und um sein Pulver auch an die Hausfrau zu bringen, lieferte er ihr zugleich auch die passsenden Rezepte für eine Sandtorte und einen Gugelhupf mit. Das Zehn-Pfennig-Produkt fand schnell Anklang – in Bielefeld und Umgebung.

Oetker, der noch vor der Jahrhundertwende die Hausfrauen mit weiteren Küchenhilfen – Vanillin-Zucker, Puddingpulver und Speisestärke Gustin – erfreute, erwies sich als hervorragender Marketingexperte. Der geschäftstüchtige Apotheker, der seinen eigentlichen Beruf erst 1899 aufgab, erkannte schnell, daß ein Markenzeichen den Verkauf seiner Ware erleichtern würde. Das passende Schlagwort hatte er selbst erfunden: "Ein heller Kopf verwendet nur Dr. Oetker-Fabrikate". 1899 schrieb er einen Wettbewerb für Graphiker aus, in dem dieser Spruch bildlich umgesetzt werden, sollte. Oetkers Hellkopf entstand. Das Vorbild für die Dame in Weiß, die bis heute für Oetkers Produkte wirbt, war ein junges Mädchen namens Johanna Kind, dessen Vater in Bielefeld eine Stempel- und Gravieranstalt besaß und mit dem Apotheker befreundet war.

Im Jahre 1900 wurde der Hellkopf als Warenzeichen beim Reichspatentamt in Berlin eingetragen. Als Helfer der Hausfrau wollte sich der Jungunternehmer auch weiter profilieren. So folgte den kleinen Rezeptheften, die um die Jahrhundertwende erschienen, 1910 das erste Backbuch "Dr. Oetker’s Rezepte für Küche und Haus", das bis heute – jetzt unter dem Titel "Backen macht Freude" – über 26 Millionen mal verkauft wurde. Auch das 1911 unter dem Zeichen des Hellkopfes erschienene "Dr. Oetker’s Schulkochbuch" ist – inzwischen natürlich ebenfalls verändert – mit über sechzehn Millionen Exemplaren gleichfalls bis zu diesem Tage ein Verkaufshit.

Verändert wurde das selbst in Ostblockländern bekannte Markenzeichen nur wenig. Lediglich die Frisur wurde ein wenig dem jeweiligen Zeitgeschmack angepaßt. 1970 wurde das Oval mit dem Kopf in ein Signet eingefügt, das den Namen Dr. Oetker einschließt.

Der "helle Kopf" ziert heute nicht nur Backzutaten aller Art, sondern auch Eiskrem und Tiefkühlkost, Brot- und Kuchenfertigteige, Schlagschaum und Backformen. Er scheint auch erblich zu sein. Der Enkel des Firmengründers, Rudolf August Oetker, steht heute einem Konzern vor, zu dem neben den Lebensmittelwerken nach dem, Krieg Versicherungen, Brauereien, Reedereien und Kleiderfabriken kamen. 1977 meldete die Oetker-Gruppe fast drei Milliarden Mark Umsatz. Gunhild Freese