Von Theo Sommer

Peking, Ende Oktober

Dies ist ein Hilferuf – aufgefangen am vorigen Wochenende von einer deutschen Journalistengruppe am südlichen Tor Chinas, niedergeschrieben während des Rückfluges von Peking nach Europa. Es ist ein Hilferuf im Namen und Auftrag Tausender von Auslandschinesen, die in letzter Zeit brutal aus Vietnam vertrieben wurden und die nun im Lande ihrer Vorväter am Verzweifeln sind. Die Welt, so fürchten sie, hat sie vergessen.

Von Mitte 1977 bis Ende September 1978 sind rund 160 000 Chinesen geflüchtet oder besser: vertrieben worden. Sie flohen vor der Verstaatlichung ihrer kleinen Geschäfte, vor der Enteignung ihres Besitzes, vor der Zwangsaushebung ihrer Kinder für den Krieg in Kambodscha. Der Hauptstrom kam im Mai und Juni dieses Jahres – bis die Chinesen an den Rand ihrer Aufnahmefähigkeit gerieten und am 12. Juli die Grenze für alle sperrten, die nicht eine Staatsangehörigkeitsbescheinigung der chinesischen Botschaft in Hanoi und einen Stempel ihrer vietnamesischen Ortsbehörde vorweisen konnten. Nur wenige konnten das.

Tausende lagerten danach im Niemandsland am "Freundschaftspaß" bei P’ing-hsiang, 3000 auf der vietnamesischen! 700 auf der chinesischen Seite der Grenzlinie. Die Chinesen versorgten die Gestrandeten mit Essen und Trinken und übernahmen die ärztliche Versorgung. Bis den Vietnamesen die Sicherungen durchgingen: Am 25. August fielen sie über die Flüchtlinge her, brannten ihre Laubhütten nieder, gingen mit Steinen, Tragstangen, Knüppeln und Dolchen auf sie los. Da erst nahm China die Unglückseligen auf. Rund 2500 von ihnen leben jetzt noch im Grenzstädtchen P’ing-hsiang im Lager, dem einstigen Güterbahnhof. Während des Vietnamkonflikts wurden hier die Nachschubgüter für den Krieg umgeschlagen.

Sie wohnen in Bambuslatten-Verschlägen, manche haben sich auf der Verladerampe eingerichtet, Matten liegen auf dem Boden. Ihre Habe ist sauber darauf aufgeschichtet: Schüsseln und Töpfe, Eßstäbchen, ein paar Kleidungsstücke, da und dort ein Tropenhelm. Die ganz Glücklichen, meist Flüchtlinge aus Nordvietnam, haben mehr retten können: Fahrräder, Motorräder, ein Sony-Tonbandgerät, sogar Fernseher. Aber die meisten besitzen nicht viel mehr, als sie am dem Leibe tragen.

Menschentrauben umringen uns, kaum daß wir ausgestiegen sind. Sie verlieren keine Zeit, sondern schießen direkt auf uns zu und schütten ihr Herz aus. Ein hübsches Mädchen macht den Anfang. Sie ist 26 Jahre alt und stammt aus Cholon, dem Chinesenviertel von Saigon, und hatte bei den Amerikanern als Buchhalterin gearbeitet. Ihren Namen will sie nicht sagen – ihre Eltern und Geschwister sind zurückgeblieben. Aber ihre Geschichte sprudelt sie atemlos auf Englisch heraus: "Ich bin am 15. Juli mit dem Zug nach Hanoi gefahren und von dort wiederum per Bahn in die Nähe der Grenze." Sie wollte weg, weil man ihr in der Fabrik den Job gekündigt hatte und ihr keine Lebensmittelkarten gab. "Sicherheitsorgane fingen uns ab, aber wir schlugen uns doch zur Grenze durch. Dort kampierten wir im Freien, bis zu dem fatalen 25. August. Ich möchte nach Übersee gehen und dort Arbeit suchen, um meine Eltern unterstützen zu können. In China gibt es keine Arbeit, bei der man ordentlich verdient..."