Von Christian Schwarz-Schilling

Selten haben wir so viele Beschwörungen der deutsch-amerikanischen Freundschaft aus dem Munde aller deutschen Politiker gehört; wie in den letzten Monaten. Die deutschamerikanische Freundschaft als Restposten außenpolitischer Gemeinsamkeit zwischen Regierung und Opposition Mitnichten, denn auch unisono vorgetragene, verbale Willensbekundungen können das Maß der Entfremdung im deutschamerikanischen Verhältnis nicht übertünchen. Ob es nun die mit der Dollarabwertung und DM-Aufwertung zusammenhängende Währungsfrage ist, ob es sich um die Rüstungsstrategie, speziell die Neutronenwaffe handelt, ob es sich um die Konjunkturpolitik zur Belebung der Weltwirtschaft handelt, ob es sich um die Frage der Urankontrolle und Weiterverbreitung von geschossenen Kreisläufen in der Atomtechnologie handelt oder um die Frage der Menschenrechte – allenthalben sind die Differenzen größer als die Solidarität.

Nicht die Existenz harter Sachauseinandersetzungen jedoch macht die entscheidende Veränderung im Klima aus – solche gab es schon zu Adenauers Zeiten –, sondern der Stil und die Umgangsformen, die in den letzten Jahren zunehmend die Diskussionen prägen. Der erhobene Zeigefinger, der moralisierende Unterton, gespielte Entrüstung und der Versuch, den Schwarzen Peter möglichst dem Partner zuzuschieben, haben die konstruktive Phase des stetigen Verhaben des Argumentenaustausches, des sich Verstehenwollens und der Suche nach gemeinsamen, tragenden Lösungen verdrängt. Übrig blieb ein tragenden der Beschwichtigung, das immer dann in Gang gesetzt wird, wenn die öffentlichen Wogen einmal überschwappen; eine Beschwichtigung auf der Grundlage, alles sei halb so schlimm, die deutsch-amerikanische Freundschaft sei historisch so "abgesichert", daß sie sich gar nicht verändern könne.

Die Prioritäten werden in Verkennung der tatsächlichen Situation von führenden Politikern des deutschen Regierungslagers umgepolt und mit kurzsichtigen Argumenten begründet. Das Gespräch mit Moskau, so Egon Bahr sei bisweilen wichtiger als jenes mit den USA. "Vor Amerika braucht Deutschland keine Sorge zu haben, wohl aber vor der militärischen Macht der Sowjetunion." Modischer argumentiert Professor Ehmke: Die "dreißig Jahre alte Ehe" im alten patriarchalischen Stil mit den USA gehe zu Ende und werde von einer "Partnerschaft" abgelöst, denn, so fügte Ehmke hinzu, "wir halten viel von Emanzipation".

Ein so verschobenes Koordinatenkreuz deutscher Außenpolitik, mit forschen Sprüchen garniert, macht deutlich, wie weit man sich vom eigentlichen Kern deutsch-amerikanischer Freundschaft, deren Fundament sehr viel tiefer angelegt war, entfernt hat und dokumentiert das schwindende Bewußtsein der atlantischen Schicksalsgemeinschaft. Gleichzeitig werden die guten Kontakte und freundschaftlichen Beziehungen bewährter Architekten der deutsch-amerikanischen Freundschaft diesseits und jenseits des Atlantiks rarer; hüben wie drüben zieht eine neue Generation in verantwortliche Positionen von Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Kultur, ohne auch im entferntesten die gleiche Kenntnis des Partners, seiner Wertvorstellungen und seiner Kultur zu besitzen. Prioritäten und Optionen werden mit dem Heraufziehen neuer Generationen neu verteilt; in solchen Zeiten des Generationenumbruchs ist das Risiko der Erosion genauso groß wie die Chance der Erneuerung.

Freundschaft zwischen Völkern ist mehr als ein Bündnisvertrag auf Zeit. Sie beruht

  • auf einer langfristigen Identität politischer Interessen,
  • auf einer weitgehenden Übereinstimmung in den Grundüberzeugungen und Wertvorstellungen der Völker,
  • auf einem jederzeit präsenten Bewußtsein der Schicksalsgemeinschaft beider Völker durch lebendigen Gedankenaustausch und ständigen Interessenausgleich und ein weitverzweigtes Netz zahlreicher persönlicher Bekanntschaften und Freundschaften, die jederzeit mobilisierbar sind.