Bochum

Darf ein Beschäftigter des öffentlichen Dienstes eine Frage wie "Woran merken Sie, daß Sie in der Bundesrepublik in einer Demokratie leben?" stellen? Der Demokratie-Fragesteller war da nicht so sicher und blieb (Zivilcourage hin, Berufsverbote her) vorsichtshalber anonym. Nicht ohne Grund, wie dann auch einige mit der Frage konfrontierte Passanten deutlich machten. Für sie war er ein "Kommunistenschwein", das "kommunistische Propaganda" betreibe und "am radikalen Chaos" sehen könne, daß die Bundesrepublik eine Demokratie sei.

Aus- und zur Diskussion gestellt werden Frage und Reaktionen im "Museum der Fragen", das der Mannheimer Künstler Bernhard Sandfort vor gut einem Jahr in seiner Produzentengalerie "Augenladen" einrichtete. Seit dem vergangenen Wochenende hat es nun zum erstenmal in einem etablierten Museum, dem Museum Bochum, Platz gefunden, wo es bis Ende November mehr als tausend Fragen nicht nur Bochumer Bürger aufwirft.

"Was sind Ihre Fragen? Fragen, die für Sie wichtig sind. Fragen, die Sie beschäftigen. Fragen, die in Ihrem Leben eine Rolle spielen." Auf Handzetteln bat Sandfort die Bewohner des Ruhrreviers um Fragen, "die sie mit sich rumschleppen". Die Antwort: Bisher über vierhundert neue Fragen, die jetzt zusammen mit bereits früher gesammelten Fragen ausgestellt werden – Fragen zu Atomkraft und Umwelt ("Bringen wir uns durch unseren Fortschritt selbst um?"), zur Politik ("Ist der Bürger in einer Demokratie vor seinem Gewissen verpflichtet, darauf zu achten, was seine gewählten Volksvertreter tun, um sich nötigenfalls fordernd oder protestierend zu Wort zu melden?") und zur Kunst ("Darf Kunst schön sein?"), Fragen von Kindern ("Weiß die Ameise, daß sie eine Ameise ist?") und über ihre Situation ("Warum werden: Kinder mit Süßigkeiten oder Spielzeug getröstet, wenn es darum geht, ihre Fragen zu beantworten?"), Fragen wie "Was heißt schon normal?" und "Warum lassen sich Vorurteile schwerer spalten als Atome?", Selbstbefragungen auch: "Wer bin ich?", "Wer ist das, den ich ‚Ich‘ nenne?".

Einen sogenannten repräsentativen Querschnitt "Die Fragen der Bundesbürger" gibt das "Museum der Fragen" nicht. Bernhard Sandfort will nicht mit üblichen Meinungsumfragen konkurrieren. Interview-, Quiz- und Prüfungsfragen sind bei ihm wenig gefragt, und er unterteilt auch nicht nach "guten" und "schlechten" Fragen. Unzensiert wird gezeigt, was Bürger fragen und: daß sie mehr und andere Fragen haben als die, die man im allgemeinen hört. Daß sie einmal danach gefragt werden, ist für viele überraschend: "Bin ich eine Frage wert?"

Darüber-spricht-man-nicht-Fragen waren einmal Fragen zur Sexualität. Doch diese Zeiten sind vorbei. Nachdem Demoskopen in diesem Bereich so ziemlich alles erfragt haben und in diversen Statistiken. kaum eine Frage über Art und Häufigkeit sexueller Betätigung offengeblieben ist, gibt’s hier kein (Frage-)Tabu mehr. "Nicht laut ausgesprochene Fragen, die sich bloß flüstern oder schreiben lassen" beziehen sich heute auf andere Themen. Tod zum Beispiel, Alter, Einsamkeit. "Wie sterbe ich? Wie werde ich das erleben?", fragt eine Frau im Museum der Fragen, und: "Bin ich rechtzeitig, schon heute, bereit, mich auf das Altwerden einzustellen?"

"Wann werde ich sterben?", "Warum muß ich sterben und kann nicht weiterleben?", "Was ist nach dem Tod?" schreibt eine Schulklasse in einem Fragenkatalog, und überwiegend Schüler sind es auch, die immer wieder wissen wollen "Was ist der Sinn des Lebens?"