Noch in ihrem Frühjahrsgutachten waren die fünf unabhängigen deutschen Konjunkturinstitute recht pessimistisch und vermochten nirgendwo deutliche Anzeichen für eine Erholung der Wirtschaft zu erkennen. Jetzt lassen sie in ihrem jüngsten Gemeinschaftsgutachten im Einklang mit dem Zeitgeist verhaltenen Optimismus erkennen: Frühlingsgefühle im Herbst. Mit Ausnahme des etwas skeptischeren Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung prognostizieren sie für 1979 ein gesamtwirtschaftliches Wachstum von vier Prozent und einen weiteren – Wenn auch nur leichten – Rückgang der Arbeitslosigkeit. Auch dem deutschen Export wird eine, "aufwärtsgerichtete Grundtendenz" bescheinigt.

Mit Sorge dagegen betrachten die Wirtschaftswetterfrösche die Preisentwicklung. Sie fürchten, daß sich die Inflationsrate im kommenden Jahr wieder auf 3,5 Prozent erhöhen könnte. Die Angst vor einem sich wieder beschleunigenden Preisauftrieb hatte die Konjunkturforscher allerdings schon in diesem Frühjahr geplagt – ohne daß ihre Befürchtungen bisher durch die tatsächliche Entwicklung bestätigt wurden. Im Gegenteil: Die Inflationsrate ist von Monat zu Monat geringer geworden und derzeit mit 2,2 Prozent auf einem Stand, wie wir ihn zuletzt vor neun Jahren hatten.

Das bedeutet aber leider nicht, daß die Wirtschaftsforscher bei den Preisen auch diesmal wieder danebentippen. Die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer wird nicht ohne Folgen bleiben. Auch die Nahrungsmittelpreise werden 1979 wohl nicht mehr durch überreiche Ernten gedrückt. Daß die staatlich administrierten Preise auch im kommenden Jahr erhöht werden, ist so gut wie sicher. Und ob die Importe durch weitere Aufwertungen der Mark verbilligt werden, ist noch nicht abzusehen.

Mit Rücksicht auf die Sicherheit der Arbeitsplätze kann sich wohl auch niemand wünschen, daß die Mark weiter in dem Tempo aufgewertet wird, wie dies in den vergangenen Jahren, der Fall war und wie ihr dies zur Zeit in drastischer Weise gegenüber dem Dollar geschieht. Seit Wochen schon werden mit erschreckender Regelmäßigkeit neue historische Tiefstände der US-Währung an den Devisenbörsen gemeldet. Innerhalb von nur zwei Wochen hat sie gegenüber der Mark zehn Pfennig an Wert verloren. Auch wenn der deutsche Export entgegen allen Unkenrufen bisher, trotz permanenter Aufwertungen der Mark in jedem Jahr neue Rekordhöhen erklommen hat, so kann ein Sturzflug, wie ihn der Dollar zur Zeit erlebt, nicht ohne Wirkung auf den Waren- und Kapitalverkehr bleiben.

Noch wichtiger sind die psychologischen Folgen. Denn ob es in den nächsten Monaten zu einem sich "selbstverstärkenden Aufschwung? kommt, wie die Wirtschaftsforscher hoffen, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob das zarte Pflänzchen Optimismus weiter gedeiht. Ein Abrutschen des Dollars auf 1,60 Mark – wie jetzt schon prophezeit wird – oder allzu rabiate Forderungen nach Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung könnten uns rasch in den Zustand zurückwerfen, der vier Jahre lang das wirtschaftliche Klima in der Bundesrepublik geprägt hat: Resignation, Pessimismus, Abwarten.

Den Dollarkurs können wir zur Zeit kaum beeinflussen. Was aber mit dem Steuerpaket geschieht, wie Löhne, Preise und das soziale Klima sich entwickeln, das liegt weitgehend in der Hand der Parteien, Gewerkschaften und Unternehmer. Und damit liegt es auch weitgehend in ihrer Hand, ob die herbstlichen Frühlingsgefühle den Winter überstehen. Michael Jungblut