ARD, Sonntag, 22. Oktober, 22.10 Uhr: Sterns Stunde – Tiere in der Pharmaforschung; 1. Teil: Die Stellvertreter".

Die Vorankündigung am Samstagabend, sicher rein zufällig vor dem Science-fiction-Film "Colossus" gesendet (in dem Goethes Zauberlehrlings-Thema am Beispiel eines nach Weltherrschaft strebenden Militär-Computers variiert wurde), versprach, den schlimmsten Befürchtungen gerecht zu werden: eine fauchende Katze mit Elektroden. im Kopf, zuckende Tierleiber in Maschendrahtkäfigen, die rasend um sich beißende Ratte, apathische Affen.

Wohl kaum ein Thema im Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist. so emotionsbeladen wie der Komplex Tierversuche. Eine wachsende Zahl besorgter Bürgerinitiativen und streitbarer Autoren verdammen Experimente an der hilflosen Kreatur pauschal als pervers und zudem überflüssig: Längst könnten die Tests der Pharmaindustrie, des größten Verbrauchers an Labor-Tieren, auch mit. Zellkulturen und Computerprogrammen durchgeführt werden.

Wohl kein anderer Journalist als Horst Stern ist besser qualifiziert, das heikle Thema anzupacken. Stern tat dies mit der ihm eigenen Gründlichkeit und produzierte eine Trilogie, die sich, wie er in seinem ausgewogenen Vorwort betonte, nur auf die Pharmaforschung konzentriert (die zweite und dritte Folge laufen diesen Donnerstag- und Freitagabend). Nach zähen Verhandlungen brachte Stern die Basler Pharmafirma Ciba-Geigy dazu, ihre Labors für die Kameras zu öffnen, konnte er die dort arbeitenden Forscher überzeugen, daß das "peinliche Schweigen der Wissenschaft" mitschuldig an der Eskalation der Diskussion sei. Dann bat Stern seine Zuschauer, der Versuchung, "per Knopfdruck in die heile Welt zu flüchten", zu widerstehen: "Haben Sie den Mut, solcher Gewalt ins Gesicht zu schauen." Es folgten, wie der Autor vorausschickte, "Bildfolgen von ungeheurer emotionaler Wucht".

Wer freilich sadistische Greuel, bluttriefende Frankensteins erwartete, wurde enttäuscht. Mit kühlem Kameraauge und sparsamen Kommentaren ließ Stern die Experimentatoren injizieren und operieren, immer den oft Schwyzerdütsch eingefärbten Originalton dabei. Die Anklagen lieferten, stellvertretend für die Anti-Vivisektionisten, die eingeblendeten Textauszüge des Hannoveraner Neurologen-Ehepaars Herbert und Margot Stiller. "Ich habe keine schlaflosen Nächte, weil ich weiß, daß die Tiere nicht leiden", verteidigte sich Pharmaforscher Brunner, und: "Zellkulturen und Computer haben eben keinen Blutdruck".

Hansi, der zehnjährige Hundebastard, kletterte freiwillig aufs Streckbett, um sich von den schwanzwedelnd begrüßten Forschern die Beinarterien anstechen zu lassen – ein Hund, so Stern, der "auf den Menschen kam", weil wir Menschen nicht bereit sind, unsere Leiden selbst zu tragen. Als das offen schlagende Herz eines anderen, narkotisierten Bastards im Dienste der Herzmittelforschung aufhörte zu zucken, war Horst Stern "nicht zornig, nur traurig".

"Wie glaubwürdig ist unser Protest, wenn wir ihn als Gesunde äußern, aber im Ernstfall auf die Medizin zurückgreifen?" summierte Stern sein, unser aller Dilemma. Gewiß, die künstlich krankgemachten Karnickel, Hunde und Minischweine erwecken Mitleid. Doch Horst Stern, diesmal noch mehr als sonst vom Ernst, ja von der Tragik der Probleme bedrückt, scheute sich nicht, auch die andere Seite des Schreckens zu zeigen: die Frau mit der krebszerfressenen Brust, der stumm schreiende Mund des Arteriosklerotikers. Diese Erde ist kein Garten Eden und niemand hat den Schlüssel zum Paradies.

Günter Haaf