Die Schalthebel der Macht sind auch in der Sowjetunion immer noch fest in Männerhand

Von Marianna Butenschön

Die Männer verwalten, und die Frauen machen die Arbeit..." Dieser klassische Satz stand vor fast zwanzig Jahren in der Moskauer Regierungszeitung Iswestija. An der lapidaren Feststellung hat sich bis heute nicht allzuviel geändert, obwohl die Frauen heute in der UdSSR mit 51 Prozent nicht nur die Mehrheit der Beschäftigten stellen, sondern auch die bessere Allgemeinbildung und die größere Anzahl von Diplomen besitzen.

Das Kapitel "Frauenkarriere" ist in der inzwischen sehr umfangreichen Literatur zur Frauenarbeit äußerst selten behandelt und nur von weiblichen Autoren aufgegriffen worden – eher ein Paradox in einer Gesellschaft, von der sowjetische Soziologen schon vermuteten, sie sei wegen der Präsenz der Frauen in allen Berufen, wegen ihrer dominierenden Rolle im Erziehungswesen im allgemeinen und in der Familie im besonderen auf dem Weg ins Matriarchat.

Sollte das am Ende daran liegen, daß auch die sowjetische Presse und Publizistik vorwiegend von Männern gemacht werden, die wohl gerne Dauerthemen wie "Doppelbelastung", "Erleichterung der Hausarbeit" und "Verbesserung der Dienstleistungen" behandeln lassen, aber lieber doch keine Plattform für mögliche weibliche Angriffe auf männliche Grundpositionen liefern wollen?

Ohne Zweifel haben die Sowjetfrauen ungleich bessere Bildungs- und Berufschancen als die Frauen anderswo in der Welt, wohl haben sie Einfluß in vielen Bereichen der Politik und der Wirtschaft, die hierzulande Frauen noch verschlossen sind. Aber sie haben nicht die Macht, und da sie keine eigenen Interessenvertretungen besitzen, die von der politischen Führung konsultiert werden könnten, sind ihre Möglichkeiten, auf Entscheidungsprozesse einzuwirken, ziemlich gering.

Die Formel "Viel Einfluß, wenig Macht" gilt für Politik und Wirtschaft gleichermaßen. An den Schalthebeln sitzen immer noch Männer, auch wenn Frauen in unteren und mittleren Rängen und Gremien, bisweilen auch an der Spitze der politischen und wirtschaftlichen Hierarchie, viel zahlreicher anzutreffen sind als in vergleichbaren westlichen Industriestaaten.