Von Helmut Groß

Ulm/Laichingen

Einsamen Wanderern auf der Schwäbischen Alb mag gelegentlich schon der Schreck in die Glieder gefahren sein, wenn ihnen unvermutet aus dem "dunklen Schlund der Erde" verwegen aussehende Gestalten entgegenkamen. Von oben bis unten mit Lehm beschmiert, triefend vor Nässe und die Gesichter von Strapazen gezeichnet präsentieren sich die menschlichen Nachfahren des Ursus Gesichter des steinzeitlichen Höhlenbären, Ihre ganze Leidenschaft ist das Erforschen von Hohlräumen unter der Erdoberfläche.

Sie zwängen sich durch enge Felsspalten, kriechen auf allen vieren durch schmale Gänge, durchtauchen Siphons, klettern nach Bergsteigermanier steile Wände hoch und graben sich – wenn es sein muß – durch meterdicke Lehmbarrieren. Ob wissenschaftliche Neugier oder Abenteuerlust – beide Neigungen werden bei diesem Hobby befriedigt, das in der Bundesrepublik einige tausend Anhänger haben dürfte. Der weitaus größte Teil der "Höhlenbären" ist im Verband der Deutschen Höhlen- und Karstforscher organisiert,

Nicht ganz zufällig haben sich im Bereich der Schwäbischen Alb besonders aktive Forschergruppen zusammengefunden. Der verkarstete Untergrund dieses Mittelgebirges, das Baden-Württemberg auf eine Länge von über hundert Kilometern durchzieht, ist durchlöchert wie Schweizer Käse. Das Oberflächenwasser hat im Laufe der Jahrmillionen in dem kalkhaltigen, zerklüfteten Gestein ganze Höhlensysteme geschaffen, die von den Hobbyforschern Meter für Meter vermessen und teilweise kartographiert werden. Hydrogeologen und Archäologen wissen diese Fleißarbeit zu schätzen. Konflikte mit den Wissenschaftlern gibt es freilich auch, denn bisweilen zertrampeln übereifrige Höhlenforscher bedeutende frühgeschichtliche Fundstätten, wie vor kurzem im schwäbischen Gomaringen geschehen.

Mit derselben Hartnäckigkeit, die den Schwaben beim Häuslebau zueigen ist, gehen manche Forschergruppen in diesem Landstrich unter Tage ans Werk. So räumte die 75 Mitglieder zählende "Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten" in der Falkensteiner Höhle bei Urach in monatelanger Arbeit einen Felsversturz beiseite und erschloß damit einen Höhlenabschnitt, der zuvor noch nie von eines Menschen Fuß betreten worden war. Diese Schinderei brachte der "Falkensteiner" den Titel "längste Höhle der Bundesrepublik" ein. Das 3,2 Kilometer lange Höhlensystem wird vorläufig nicht für Schauzwecke ausgebaut. Zwei wassergefüllte Siphons und schwierige Kletterpartien im vorderen Teil der Höhle halten Touristen von einer "Befahrung" ab.

Höhlenforscher werden für ihre körperlichen Mühen durchaus belohnt: Im hellen Schein der Karbidlampen präsentiert sich eine heile, von Souvenirjägern noch wenig zerstörte Welt. Tropfsteine leuchten in geheimnisvollen, braungrünen Farben auf, der durchsichtige Glanz der Sinterfahnen verwandelt die Höhlengänge in Märchenschlösser. Einschlüsse fossiler Muscheltiere erinnern an die Entstehungsgeschichte der Erde. Mineralien wie Bohnerz und Magnetit lassen den Steinesammler kribbelig werden. Gelegentlich ist eine Fledermaus zu sehen, die sich mit Hilfe ihrer phantastischen Ultraschallortung auch in ewiger Dunkelheit zurechtfindet. Um andere, mikroskopisch kleine Höhlentiere zu finden, ist jedoch viel Geduld notwendig.