Hamburg

Am 25. September 1978 brachte der Postbote dem Bootsmann Erwin Will einen Brief ins Haus: "Sehr geehrter Herr Will! Hierdurch teilen wir Ihnen mit, daß wir unsere Schiffe an eine ausländische Reederei verkauft haben. Zu unserem großen Bedauern sehen wir uns daher gezwungen, Ihr Dienstverhältnis mit uns per 31. Dezember 1978 fristgemäß zu kündigen." Punkt, aus, vorbei! Es folgen noch freundliche Grüße von W. Bruns & Co., Hamburger Reeder, Eigner einer der drei größten Kühlschiff-Flotten der Bundesrepublik.

Erwin Will kann es nicht fassen. Er ist 57 Jahre alt, fährt seit vierzig Jahren zur See, davon die letzten fünfzehn Jahre auf Bruns’ Frachtschiff fen. Er spricht von sozialer Partnerschaft, davon, daß gerade Bruns immer ganz besonders großzügig seinen Leuten gegenüber gewesen sei. Und nun dieser Bruch. "Bruns hat uns schon Weihnachtsgeld gegeben, als noch kaum einer der anderen Reeder daran dachte. Er gab uns immer besonders hohe Auslandszulagen. Auch Oberstundenbeschränkung gab’s bei uns nicht, als alle anderen schon damit anfingen ... Er war einfach ein prima Kerl."

Dehalb schlugen Bruns’ Seeleute auch alle Warnungen der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), Abteilung Seeschiffahrt, in den Wind. Die hatte es 1972 durchgesetzt, daß das Betriebsverfassungsgesetz endlich auch für den Schiffahrtsbereich gültig wurde – zwanzig Jahre, nachdem es für Landbetriebe in Kraft getreten war. Seitdem können Seebetriebe mit mehr als 250 Beschäftigten oder mehr als acht Schiffen einen Betriebsrat wählen, der die Interessen der Seeleute mit der Reederei aushandelt und, bevor es zum akuten Konflikt kommt, ihre Belange unter anderem in einem Soziälplan rechtlich absichert.

Bruns hatte zwar "nur" sieben Schiffe, aber immerhin 254 Beschäftigte, die ihr Recht auf Betriebsrat und Sozialplan hätten geltend machen können. "Aber wie viele andere Seeleute waren sie alle Individualisten, gutmütig und arglos", stellt Wulf Steinvorth von der Seeleute-Gewerkschaft fest. "Immer wieder haben wir die Besatzungsmitglieder von der Bruns-Flotte gewarnt und sie gedrängt, sich rechtlich abzusichern – sozusagen für alle Fälle. Aber die Leute wollten nichts davon wissen. Sie hatten Vertrauen auf Grund ihrer langjährigen Erfahrung. ‚Bruns macht seinen Laden nie dicht‘, haben sie uns geantwortet, ,und wenn er’s macht, dann bleibt er fair und läßt uns nicht einfach sitzen. Dann wird er uns auch ohne Sozialplan anständig abfinden.‘"

Doch nun läßt er sie sitzen, auch den gutgläubigen Bootsmann Erwin Will, in seiner Sozialwohnung in Hamburg-Horn. Mit zwei knappen Kündigungssätzen und freundlichen Grüßen, aber ohne Abfindung. Ein Federstrich genügte, um die sieben Bananenfrachter im Hamburger Seeschiffsregister zu löschen und sie in Honolulu eintragen zu lassen. Eignerin ist seit Mitte Oktober eine Tochter des amerikanischen Konzerns Castle & Cooke. Sie wird die von Bruns erworbenen Schiffe nach Liberia ausflaggen und dort mit billigeren Besatzungen Bananen befördern. 80 Millionen Mark soll der Verkauf eingebracht haben.

"Diesen hohen Preis hätte er nie erzielt, wenn wir die Schiffe nicht so gut in Schuß gehalten hätten", beklagt sich Erwin Will. "In letzter Zeit fuhren wir nur noch mit 28 Mann Besatzung und nicht mehr, wie früher, mit 45 Mann. Dabei wurde praktisch nichts rationalisiert, auf Container umgestellt oder so. Wir haben also wirklich fast doppelt soviel arbeiten müssen. Auch Werftzeiten gab es kaum noch, die waren einfach, zu teuer. Die Reparaturen haben wir an Bord zum großen Teil selbst erledigt. Wir wollten uns von den amerikanischen Multis ‚Standard Fruit‘ und "United Brands‘ nicht kleinkriegen lassen. Bruns’ Verkaufserlös ist also mit unser Verdienst, Eine Abfindung müßte da doch wohl wenigstens mit drin sein." Frau Will schaltet sich ein: "Wo bleibt denn da die Moral? Das ist doch Vertrauensbruch nach all den Jahren. Das Schlimmste ist, daß mein Mann in seinem Alter keine Stellung mehr an Bord findet."