Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn es einer Rechtfertigung des vielkritisierten Fernsehens bedurft hätte – der vergangene Sonntag hat sie geliefert. Gar nicht abzuschätzen, welche Wirkung von der Möglichkeit ausgeht, das Abermillionen in aller Welt teilnehmen konnten an dem säkularen Ereignis der Einführung eines polnischen Kardinals in das Amt des Pontifex Maximus. Ein Ereignis, das niemand ohne innere Bewegung verfolgen konnte.

Säkular, global – dies sind Begriffe, mit denen in unserer Welt der Superlative gern herumhantiert wird. Hier aber treffen sie zum erstenmal die Realität: Global, universal, weltumspannend ist diese Kirche, die alle Grenzen transzendiert, alle Erdteile miteinander verbindet. Nichts Bedrängendes hatte die Szene der Huldigung, dieses Gelöbnis, welches das Erdenrund vor dem Stellvertreter Christi abgelegt hat. Kein Personenkult, sondern Symbol der Erkenntnis, daß es etwas gibt, das höher ist denn alle Vernunft. Wie deutlich wurde da, daß für uns leidgewohnte, spätgeborene Skeptiker Macht nur noch als geistige Macht ertragbar ist.

Für manchen mag dies alles nur ein grandioses Schauspiel gewesen sein, ein bewundernswertes Stück Choreographie, arrangiert von einem genialen Dramaturgen, überhöht durch die mystische Präsenz einer, zwei tausendjährigen Geschichte. Wer jedoch die letzten zwei Wochen in Polen verbracht hat und auch in Tschenstochau und Krakau war, also im Herzen des katholischen Polens, der hat dort ein wenig gespürt, warum die Tatsache, daß ein Pole Bischof von Rom geworden ist und Papst der katholischen Christen in aller Welt, warum dies von so weittragender Bedeutung ist: Weil der Glaube des polnischen Volkes in vielen Feuern gehärtet wurde; weil der Mann, der jetzt auf dem Stuhl Petri sitzt die Realität des Ostens kennt wie keiner seiner Vorgänger; weil das, Ziel seiner Wünsche und seiner Sehnsucht die Überwindung der Teilung Europas ist und die Wiederzusammenführung der zersplitterten Kirche. Wenn ein einzelner den Gang der Geschichte in diesem Sinne beeinflussen kann, so ist dafür niemand geeigneter als Papst Johannes Paul II.

Es gibt keine zweite Nation, in deren Geschichte die Kirche eine so entscheidende Rolle gespielt hat. Oft war sie das einzige Bindeglied zwischen den Menschen im dreigeteilten Land, die einzige Garantie für Kontinuität und Identität. Dies ist sicherlich eine Erklärung für die tiefe Religiosität dieses Volkes, die man erst ganz erfaßt, wenn man die Gläubigen vor der schwarzen Muttergottes in Tschenstochau knien sieht.

Der neue Papst hat bei der diesjährigen Fronleichnamsprozession in Krakau gesagt: "Wir sind als Kirche eine Gemeinschaft fast so groß wie die Nation." Fast so groß heißt, daß 90 Prozent der Polen praktizierende Katholiken sind.

Kirche als Heimat