Wie Giscard die Bundesrepublik wirtschaftlich einholen will

Von Klaus-Peter Schmid

Eigentlich ist Frankreichs Platz auf der Hitliste der erfolgreichsten Nationen der Welt ganz respektabel: drittgrößter Lebensstandard unter allen Ländern mit über 20 Millionen Bewohnern, Nummer fünf unter den mächtigsten Wirtschaftspotentialen, drittgrößter Exporteur, dazu eine der höchsten Wachstumsraten der westlichen Welt.

So wenigstens sieht es der französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing – und er läßt keinen Zweifel daran, daß ihm das nicht genügt. Im Fernsehen erklärte er jetzt seinen Landsleuten: "Wenn wir das Nötige tun, können wir in etwa zehn Jahren die gleiche wirtschaftliche Entwicklung und die gleiche Macht erreichen wie die Bundesrepublik Deutschland."

Ganz neu ist dieser Ehrgeiz nicht. Schon Giscards Vorgänger Georges Pompidou sprach im September 1971 von der Zehn-Jahres-Frist, in der das deutsche Pro-Kopf-Einkommen erreicht werden sollte. Pompidou auf einer Pressekonferenz: "Ich würde sogar sagen, daß alle internationalen Beobachter das für wahrscheinlich halten." Dabei stützte er sich vor allem auf das Hudson-Institut des amerikanischen Futurologen Herman Kahn, das sogar die Prognose wagte, 1980 werde Frankreich "mit Schweden, der Schweiz und Dänemark zu den vier reichsten Ländern Europas" gehören.

Doch statt des erhofften steilen Anstiegs kam die Krise mit Inflation und Arbeitslosigkeit, mit angeschlagener Industrie und Defiziten im Außenhandel. Die von der OECD vorhergesagten Wachstumsraten von sechs Prozent im Jahr wurden auch nicht annähernd erreicht. Doch Giscard, noch kaum in den Elyseepalast eingezogen, erweckte den alten Traum zu neuem Leben, Er hielt am Wettlauf mit dem deutschen Nachbarn fest und verhieß seinem Land echte Gewinnchancen. Heute rechtfertigt er seinen damaligen Optimismus: "Als ich Finanzminister war, hatte ich mir das persönliche Ziel gesetzt ..., daß Frankreich Großbritannien überholt." Dieses Ziel ist in der Tat längst erreicht.

Immer wieder fanden sich mehr oder weniger kundige Experten, die den Franzosen Mut machten. Im Mai 1976 meldete sich das Hudson-Institut erneut zu Wort: "Wenn man das Bruttosozialprodukt pro Kopf vergleicht, kann man sagen, daß der Franzose schon 1970 ebenso reich war wie der Deutsche. Heute ist er reicher als sein Nachbar jenseits des Rheins." Zweiflern, hielt ein Institutssprecher – kurzerhand vor: "Ich bin davon überzeugt, daß sich die Franzosen gerne Angst machen lassen."