Von Friedrich Torberg

Der weitaus zuverlässigste Reiseführer durch dieses Land ist die Bibel. Nicht nur "stimmt" alles – man kann sich’s auch vorstellen. Und nicht nur kann man sich’s "vorstellen" – es ist von einer schwer definierbaren und dennoch völlig fraglosen Glaubhaftigkeit, die nichts mit Religion oder gar mit Religiosität zu tun hat, sondern ein Akt des historischen Bewußtseins ist.

An etwas "glauben" kann man wo immer. Aber um diesen spezifischen Vollzug der Bewußtwerdung, dieses unheimliche Ineinandergreifen von Urzeit und Gegenwart zu erfahren, muß man hier sein; muß man die erbarmungslos steinerne Landschaft durchstreifen, in der sich’s zugetragen hat; muß man den Karmel und die Hügelwellen des Kidrontals und die Triften des Emek dem Horizont zustreben sehen und sich vom Gefühl einer menschlich gerade noch faßbaren, einer sozusagen begrenzten Unendlichkeit anrühren lassen; muß man den Abendhimmel über Jerusalem erleben, die Farben und Formen der Wolken im Sonnenuntergang. Unter solchem Himmel ist gut Visionen haben. Oder am Fuß der Gilboa-Berge, über die unlängst, vor 3000 Jahren, die Philister herübergekommen sind. Dort liegt der Kibbuz, der mich eine Zeitlang beherbergt hat. Und wer dort in der Abenddämmerung den Berghang entlangstreift, wird unwillkürlich Ausschau halten, ob nicht irgendwo eines Esels Kinnbacken herumliegen, mit denen er dem nächstbesten Philister zu Leibe rücken könnte. Jeder sein eigener Samson in diesem phantastischen Land.

Sodom

Manchmal erfolgt der Ansprung des Vorstellbaren mit solcher Wucht, daß man den Atem zu verlieren meint. Und das war Sodom.

Ich sage "Sodom", obwohl es eigentlich – nein, nicht eigentlich, sondern offiziell – "S’dom" heißt. Ich sage auch "Askalon" statt "Ashkelon" und "Safed" statt "S’fad" und mache überhaupt viele Fehler, besonders wo die kargen Restbestände meines aschkenasischen Hebräisch aus der Religionsstunde mit meinen kargen Neuerwerbungen an sephardischer Aussprache zusammenstoßen! Da ich nur selten Gelegenheit habe, mich mit diesbezüglichen Kenntnissen hervorzutun, sei hier für die Inhaber noch geringerer Kenntnisse angemerkt, daß die in Israel übliche Umgangssprache dem "sephardischen" Hebräisch der spanischen Juden entspricht, das sich vom "aschkenasischen" der deutschen und osteuropäischen Juden durch eine gewisse Härte, durch die Verwendung offener, klangreicher Vokale und durch die Betonung der Endsilben unterscheidet. Mir gefällt die sephardische Aussprache viel besser. Aber in manchen Zusammenhängen kann ich mir gegen die aschkenasische meines Schul-Hebräisch nicht helfen und möchte es auch gar nicht. Zumindest die biblischen Orte möchte ich weiterhin bei jenem Namen nennen, unter dem sie mir zum erstenmal begegnet sind. Und auf "Sodom" könnte ich keinesfalls verzichten.

Das war also Sodom, und die Bibel trat schon auf der Fahrt in Aktion, schon als die Straße von Beer-Sheva her sich abwärts senkte und ihre Serpentinen sich durch die ungeheuerliche Mondlandschaft des Toten Meeres hinabzuschlängeln begannen, in den Schlund der Erde hinein – es hätte nicht erst der Hinweistafel bedurft, die uns wissen ließ, daß wir uns nunmehr unterhalb des Meeresspiegels befänden. An der zweiten oder dritten Kurve mußten wir den Wagen anhalten, eine unserer Mitfahrerinnen ertrug’s nicht und stieg aus.