Von Dieter Buhl

Washington, im Oktober

Das kalte Licht der Tiefstrahler und das fahle Muster des Glenscheckanzuges lassen sein Gesicht noch blasser als sonst erscheinen. Aber der Präsident sitzt mit zufriedener Miene am Kabinettstisch. Umringt von älteren Damen und Herren, auf Tuchfühlung mit ein paar Abgeordneten und seiner Frau; die eben noch aus den Wohnräumen des Weißen Hauses herübergelaufen ist, wartet Jimmy Carter auf das Zeichen der Fernsehleute. Als endlich die roten Lichter der Kameras aufleuchten, unterzeichnet er das Gesetz, das den Kriegsveteranen eine Erhöhung ihrer Pensionen sichert. Am Abend wird die Zeremonie überall in Amerika auf den Fernsehschirmen zu sehen sein.

Der Präsident muß in den nächsten Tagen noch viele Gesetze unterzeichnen. Einige davon könnten das Leben von Millionen berühren, die meisten werden nur eine Minderheit interessieren. Doch so oft es geht, wird Jimmy Carter dabei eine Schau veranstalten, ein Ritual zelebrieren, das auch seinen Vorgängern stets als eine der wählerwirksamsten Möglichkeiten ihres Amtes galt. Gerade jetzt, zwei Wochen vor den Zwischenwahlen am 7. November, kommt Carter die Chance zur Selbstdarstellung besonders gelegen. Er möchte auch dem letzten Amerikaner vor Augen führen, wie fleißig der Präsident gewesen ist, wie erfolgreich er sich gegen den 95. Kongreß durchgesetzt hat.

Die amerikanischen Meinungsmacher braucht Carter inzwischen nicht mehr von seinen Leistungen zu überzeugen. Sie haben in diesem Herbst Kapriolen geschlagen, sie sind von Kritikern zu Bewunderern geworden. Noch vor kurzem schmähten sie den "Amateur" im Präsidentensessel. Nun preisen sie den "präsidialen Präsidenten". Jimmy Carter kann den Morgenzeitungen und den Abendnachrichten im Fernsehen jetzt ohne Bangen entgegensehen. Er hat die Kommentatoren im Endspurt dieser Legislaturperiode von seinen Qualitäten überzeugt.

Der Stimmungsumschwung hat die Leute im Weißen Haus in eine milde Euphorie versetzt. Am deutlichsten atmen die Mitarbeiter auf, die das Verhältnis zwischen dem Präsidenten und dem Parlament regeln müssen. Von Beginn der Amtszeit Carters an hatte die Abteilung für "Congressional Relations" unter starkem Druck gestanden, war sie wegen ihrer Pannen belächelt und verspottet worden. Nun können die wichtigsten Hilfstruppen des Präsidenten doch noch eine gute Bilanz vorlegen und stolz auf die Gesetzesstrecke verweisen, die Jimmy Carter durchgeboxt hat. "Wir haben endlich Fuß gefaßt", dieser Stoßseufzer einer jungen Frau, die auf Vorposten im Kampf mit dem Kongreß steht, gibt die Erleichterung wieder, die am Präsidentensitz zu spüren ist.