Der Bundesjustizminister, Hans-Jochen Vogel, hat sich auf Einladung der Spielzeughersteller bei einer Tagung in Bamberg gegen das "bewaffnete Kinderzimmer" ausgesprochen – eine hübsche Formulierung, die wir der Süddeutschen Zeitung verdanken. Der Minister hat die Eltern gewarnt und gefragt, ob sie alle wissen, daß "ein Panzer, eine Pistole, ein Soldat nur noch zerstörerische Phantasien und Handlungen zulassen?"

Schicke ich voraus, daß ich den Minister Vogel schätze, so wird mir um so mehr erlaubt sein, an seine Behauptungen einige Betrachtungen anzuknüpfen.

In den zwanziger Jahren ließ mein Vater, der vier Jahre Frontsoldat gewesen war (Maschinengewehr-Abteilung), Kriegsspielzeug in unserem Kinderzimmer nicht zu. Seine Partei war das "Zentrum", er las neben seiner fachlichen Literatur Hochland und den Kunstwart. Den Heranwachsenden gab er zur Lektüre eine Zeitschrift des Berliner Studentenpfarrers Carl Sonnenschein, und wir waren völlig einverstanden. Das Rheinland, in dem wir wohnten, war entmilitarisiert. Die Begegnung mit stehenden, knieenden und liegenden Soldaten fand nur in fremden Kinderzimmern statt und ließ mich und meine Geschwister völlig kalt.

In unserem Kinderzimmer gab es statt dessen Indianer mit und ohne Pferde. Sie hatten Flinten, Pfeile, aber Panzer und Pistolen hatten sie nicht. Sie kämpften gegen weiße Farmer. Und weil wir gerecht waren, ließen wir einmal die einen, dann die anderen gewinnen. In jedem Falle aber malten wir ihnen rote Tinte auf Brüste, Bäudie, Schenkel: Blut.

Ich erinnere mich aber auch, wie wir auf einer Radtour in der Nähe von Münster in Westfalen eine Abteilung militärischer Fahrzeuge nebst zugehörigen Soldaten unseres Hunderttausend-Mann-Heeres sahen. Ich weiß noch, daß ich erschrak und unwillkürlich auf die Rücktrittbremse trat. Ich dachte: Krieg! Es wird Krieg geben! Denn da sind sie: die Soldaten. Mein Vater auf seinem Fahrrad schaute der Kolonne nach.

Um zu Herrn Vogels Satz zurückzukehren: "Ein Panzer, eine Pistole, ein Soldat können nur zerstörerische Phantasien und Handlungen zulassen"? Ganz im Sinne des Ministers waren, sie aus unserem Kinderzimmer verbannt worden; Jetzt rief ihr Anblick auf der Straße nahe von Münster in Westfalen nur Widerwillen in uns hervor. Oh, ich unterschätze die Wirkung einer eindringlichen Erziehung nicht. Im Gegenteil: Als ich selbst Soldat war (mehr als vier Jahre und Fliegerei), körnte ich unsere eigene Tätigkeit, unsere Umgangsformen, unsere Uniform auf den Tod nicht ausstehen – "auf den Tod" war in sehr vielen Fällen der richtige Ausdruck.

Wäre unser Kinderzimmer bewaffnet gewesen, hätte ich vielleicht anders gefühlt. Und doch hat das entwaffnete Kindeizimmer meine bewaffnete Tätigkeit nicht verhindern können. Lag es daran, daß die anderen Kinderzimmer noch voller Panzer, Pistolen und Soldaten geblieben waren?