Nun ist er also heimgekehrt: aus der Alt-Berliner Bergmann-Straße, die ihm Rolf Zehetbauer für "Das Schlangenei" baute, ins reale Ingmar-Bergman-Land, aus München auf seine Insel Fårö, aus einer fremden deutschen Gespensterwelt in eine vertraute skandinavische. Und die hat sich in den letzten zwanzig Jahren kaum verändert: Fast so, als wollte er sich seines angestammten Terrains besonders nachdrücklich versichern, versammelt Ingmar Bergman in seinem 38. Film alle seine bekannten Motive und Konflikte. Die "Herbstsonate" ist ein Wunschkonzert, ein Potpourri beliebter und bewährter Klänge.

Nicht ein einziges der düsteren Motive, mit denen Bergman je seine Exegeten quälte, fehlt in diesem Film, der manchmal so aussieht, als habe ihn ein besonders brillanter Bergman-Parodist gedreht. Alles Unglück dieser Welt konzentriert sich auf ein kleines norwegisches Pfarrhaus: Der Pfarrer glaubt nicht mehr an Gott, seitdem sein einziger Sohn ertrunken ist; die verhärmte Pfarrersfrau liebt weder ihren Mann noch ihre Mutter, die sie einst zu einer Abtreibung zwang; die Mutter hat gerade ihren besten Freund durch einen schrecklichen Krebstod verloren und wird nachts von Alpträumen heimgesucht; ihre jüngere Tochter wiederum, einst in eine tragische Beziehung zu Mutters Liebhaber verstrickt, leidet an einer unheilbaren Krankheit und vegetiert nur noch sprachlos und schlaff vor sich hin.

Schon Max Ophüls wußte, daß das Glück nicht immer lustig ist, aber eine solche geballte Ladung Unglück und Jammer in einem einzigen Film ist einfach des Erträglichen zuviel. "Herbst-Monate" wirkt so, als habe Bergman die Reste aus "Wie in einem Spiegel", "Licht im Winter", "Schweigen", "Persona", "Die Stunde des Wolfs", "Schreie und Flüstern" und "Szenen einer Ehe" aneinandergeklebt: eine leblose, erschreckend routinierte Anthologie, deren Figuren mit gewohnter Vehemenz letzten Fragen der Menschheit nachgrübeln.

"Für mich ist der Mensch eine ungeheure Schöpfung, ein unfaßbarer Gedanke. Der Mensch ist alles, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, wie das Leben. Der Mensch wiederum ist das Ebenbild Gottes, und Gott ist alles, alles, eine gewaltige Energie, und es entstanden Teufel und Heilige, Propheten und Dunkelmänner, Künstler und Bilderstürmer. Gleichzeitig, nebeneinander, alles sich wechselseitig durchdringend. Wie riesige Muster, die sich ständig verändern. Verstehst du, was ich meine?" Mit solch kostbaren Sätzen bekämpfen sich die Figuren gegenseitig, und natürlich versteht keiner den anderen. Bergman spricht und Gott schweigt: das Erfolgsprinzip eines mittlerweile leicht angestaubten Markenartikels.

Natürlich ist das virtuos inszeniert, in jenem kargen, fast ausschließlich auf Großaufnahmen konzentrierten Stil, den man aus "Szenen einer Ehe" und "Von Angesicht zu Angesicht" kennt. Aber gerade diese Virtuosität, die auch die des Kameramanns Sven Nykvist und die der Schauspielerin Liv Ullmann ist, macht mir den Film verdächtig. Er stellt eine so glatte, selbstgefällig eloquente Rhetorik aus, daß die behauptete Verzweiflung kaum überzeugender wirkt als der Katzenjammer nach einer mißlungenen Party. So erscheint selbst die masochistische Inbrunst, mit der sich Liv Ullmann in die häßliche, bis zur Lächerlichkeit verklemmte Pfarrersfrau verwandelt – manchmal sieht sie wahrhaftig aus wie unsere Lilo Pulver als die geschlagenere von Kohlhiesels Töchtern –, nur als die eitle Tourde-Force einer brillanten Schauspielerin, die ihre Mittel repetiert.

Mehr Spannung bringt eine Darstellerin ins Spiel, die noch nie mit Ingmar Bergman gearbeitet hat, der man denn auch ihre Verwunderung angesichts dieser erstarrten Höllen-Welt anmerkt: Ingrid Bergman (eigentlich wollte ich mir den Hinweis ersparen, daß sie weder verwandt noch verschwägert ist, aber vielleicht gibt es doch noch jemanden, der das nicht weiß) als Liv Ullmanns Mutter. Sie spielt wohl ein wenig sich selber: den gefeierten Weltstar (hier eine Konzert-Pianistin), der nach vielen Jahren in der Fremde in die drangvolle Enge der nordischen Heimat zurückkehrt und die verquälten Veranstaltungen der Eingeborenen nicht mehr so recht versteht.

Diese Charlotte Andergast ist eine Frau von scharfem Intellekt, robustem Egoismus und pragmatischer Härte (unnachahmlich, wie Ingrid Bergman an Hand eines Chopin-Prélude den Unterschied zwischen Gefühl und Sentimentalität demonstriert). Nach der nächtlichen Auseinandersetzung mit ihrer Tochter, die fast die Hälfte des Films beansprucht und bei der die gesammelten Lebenslügen nur so durch das Zimmer fetzen (als würde Woody Allen Strindberg inszenieren), reist sie überstürzt wieder ab, immerhin ziemlich ungebrochen an Leib und Seele: Eine Überlebende, gierig und verzweifelt zugleich, deren ständiges Changieren zwischen mühsam unterdrückter urbaner Hysterie, gespielter Mutterliebe und koketter Brutalität Ingrid Bergman mit mondäner Vitalität darstellt. Allein um diesen Star zu sehen, der alle seine Hollywood-Tricks in das Porträt eines Monster-Stars integriert, lohnt sich "Herbstsonate".