Von Günter Haaf

Die Story ist zwar nicht mehr ganz neu, im Einzelfall macht sie jedoch immer noch Schlagzeilen: Da wird ein Mann in einer Seilbahnstation hoch in den bayerischen Alpen ausgerufen und per Hubschrauber nach München geflogen, wo wenig später eine Niere auf dem Luftweg aus Freiburg eintrifft, die ihm zu einem leichteren, längeren Leben verhelfen wird; da stirbt ein 15jähriger Junge an einem Gehirntumor, und seine Eltern willigen der Entnahme seiner Leber ein, die dann einem todkranken 28jährigen Briefträger das Leben rettet.

Die Geschichten von den edlen Spendern verdüstern sich freilich dramatisch, sobald es um die transplantierenden Ärzte geht oder gar um die Frage, ob etwa jeder Bundesbürger vom Staat gefragt werden darf, wie es um seine eigene Organspendewilligkeit steht. Wo eben noch der über den Tod hinauswirkenden christlichen – oder auch nur menschlichen – Nächstenliebe gehuldigt wurde, kriecht nun der Horror vor dem gewissenlosen Dr. Frankenstein aus den Kommentaren, der aus chirurgischem Ehrgeiz brauchbare Patienten in lebende Leichname verwandelt, um diese bei Gelegenheit Zum Zwecke der Transplantation auszuweiden.

Kein Wunder, daß der Mitte September von der Bundesregierung vorgelegte Entwurf eines "Gesetzes über Eingriffe an Verstorbenen zu Transplantationszwecken", das jedem Bundesbürger über 16 Jahre zur Pflicht machen soll, sich zur Organspenderfrage zu äußern und einen eventuellen Widerspruch im Personalausweis vermerken lassen will, mit einer Breitseite kritischer Stimmen empfangen wurde. Von einem Gesetz, das "an die Nieren" gehe, war da die Rede, von "Staatsleichen", die "zersäbelt und in Organbanken gepackt" werden sollen, von "fragwürdigen Organschneidereien" und vom Sensenmann, der sich in den "Skalpellmann" zu verwandeln drohe.

Die Begriffswahl aus dem Wörterbuch des Doktor Frankenstein täuscht darüber hinweg, daß alle im Bundestag vertretenen Parteien, die Kirchen und auch die direkt betroffenen Ärzte und Juristen einhellig ein solches Gesetz fordern. Der Streit dreht sich um die Frage, wie mehr Bürger dazu gebracht werden können, ihre Organe nach ihrem Ableben für Verpflanzungen zur Verfügung zu stellen. Da hier die Meinungen weit auseinanderklaffen und überdies die Zeit drängt – der Gesetzentwurf liegt am 10. November erstmals vor dem Bundesrat und soll noch bis 1980 unter Dach und Fach gebracht werden –, greifen die Kritiker statt zum feinen Skalpell zum schweren Säbel, um die ihnen mißliebigen Regelungen aus dem Entwurf herauszuhacken: Ein Vorgehen, das manche potentiellen Organempfänger möglicherweise nicht überleben, weil das rettende Transplantat nie gespendet wird – oder aber das Gesetz erst in der nächsten Legislaturperiode kommt.

Das gesetzgeberische Abwägen zwischen dem Recht der Lebenden auf bestmögliche medizinische Versorgung und dem Recht der Toten auf Pietät setzte erst 1974 ein, als eine ganze Reihe verschiedener Organe schon routinemäßig übertragen wurde. Unter den Verpflanzungen lebensnotwendiger Organe ist die Nierentransplantation, inzwischen im 30. Jahr, am weitesten fortgeschritten: Weltweit wurden bisher mehr als 100 000 Nieren übertragen. Komplizierter und deshalb auch spektakulärer und seltener sind Herzverpflanzungen (seit Dezember 1967 insgesamt knapp 400) und Lebertransplantationen (seit Juni 1969 rund 300). Noch im Erprobungsstadium sind Übertragungen von Organen wie der Bauchspeicheldrüse, der Milz oder des Dünndarms. Ohne viel Aufsehens, dafür aber häufiger transplantieren Chirurgen Gehörknöchelchen und Augenhornhäute, um taube Menschen wieder hören und blinde wieder’sehen zu lassen (Bedarf an Augenhornhäuten in der Bundesrepublik! 3000 bis 4000 pro Jahr). Auch die Verpflanzung von Haut auf Patienten mit schweren Brandwunden ist weit verbreitet.