Von Wolfram Siebeck

Ich hatte vorher Photos von Château Vizille gesehen. Das stattliche Schloß schien in einer unberührten Parklandschaft zu stehen; gepflegte Wiesen, dekorative Baumgruppen und imposante Hügel ringsum, ein stiller Fluß vor der Tür und weit und breit kein störendes Anzeichen ordinärer Zivilisation; naturreines 18. Jahrhundert einschließlich Sonnenschein. Als wir jetzt in dem kleinen Industriestädtchen Vizille ankamen, 20 Kilometer südlich von Grenoble an der Route Napoleon gelegen, und vor der Schloßmauer anhielten, glaubte ich, mich in der Adresse geirrt zu haben. Ich befand mich an einer verkehrsreichen Straßenkreuzung inmitten demonstrierender junger Leute und einer kleinen Polizeiarmee. Außerdem nieselte es. Für ein kulinarisches Fest also keine günstige Ausgangslage. Dabei sollte es nicht nur irgendein Fest werden; die Veranstalter versprachen die größte Gartenparty des Jahrhunderts, ein dèjeuner sur l’herbe, wie man es noch nie gesehen habe und nie wieder sehen werde; ein Ereignis der eßbaren Art.

Gefeiert wurde der 80. Geburtstag von Madame Point, der Witwe des 1955 gestorbenen Fernand Point. Er war der größte Küchenchef nach Escoffier, und wie jener beeinflußte er Generationen von nachfolgenden Köchen. Seine Forderung nach "Butter, Butter, Butter!" wurde zum Leitmotiv für die Grande Cuisine, wie sie heute noch, wenn auch in modernisierter, leichterer Form, von Paul Bocuse und den anderen französischen Küchenstars praktiziert wird. Point wog drei Zentner, hatte immer eine geöffnete Flasche Champagner in Reichweite, und an der hohen Mauer seines weltberühmten Restaurants, der "Pyramide" in Vienne, verriet nur ein bescheidenes Messingschild, daß dahinter ein Wallfahrtsort für Feinschmecker verborgen war. Heute leuchtet dort sein Name in klotzigen Buchstaben in die Nacht; seine tüchtige Witwe und der Patriotismus der Inspektoren des Guide Michelin sorgen dafür, daß, die "Pyramide" ihre drei Sterne bis jetzt behalten hat. Und weiter behalten wird, solange Madame Point dort regiert, ganz egal, wer in der Küche kocht.

Um sie zu feiern, waren fast 500 Gäste nach Vizille gekommen, ihr zu Ehren und zu Ehren der Französischen Küche. Der galt übrigens der Protest der jungen Leute keineswegs. Sie demonstrierten nicht gegen die Flotte der Gefräßigkeit, die im Schloßpark vor Anker ging, sondern gegen den mit Blaulicht eskortierten Minister für Sport, Jugend und Freizeit, weil er unlängst während seiner Arbeitszeit einige tausend Planstellen für Sportlehrer gestrichen hatte.

Der Eingang für die Gäste war einen Kilometer entfernt, und dahinter waren sie plötzlich, die prächtige Rückseite des Schlosses, der schöne Park, die gepflegten Wiesen und der stille Fluß, wenn auch nicht mehr so naturrein wie auf den Bildern. Vor der Schloßtreppe waren ein großes Festzelt und eine kleine Budenstadt aufgebaut; ein buntes Kinderkarussell, einige Oldtimer, drei verankerte Heißluftballons, waldhornblasende Jäger, Trachtengrüppchen und erwartungsvolle Gäste belebten das Tableau. Und dazwischen immer wieder die markanten, weißen Kochmützen der berühmtesten der ehemaligen Point-Schüler. Sie hatten die heimischen Kochtöpfe verlassen und standen hier Löffel bei Fuß. Uns stand bevor, woran Feinschmecker nicht einmal im Traum zu denken wagen: Bei einem einzigen Essen von den Meistern Bocuse, Chapel, einzigen Troisgros, Bise, Gaertner bekocht zu werden, sowie von den Chefköchen der "Auberge d l’ Ill" in Illhaeusern und der "Pyramide" in Vienne. Noch dazu ohne das ja nicht seltene Risiko, daß der Chef gerade in Japan für sich Reklame macht und sein Vertreter einen Schnupfen hat. In Vizille hatte jeder dieser Kasserollen-Künstler nur einen kleinen Stand zur Verfügung, in dem er Spezialitäten kochte, die auf die eine oder andere Art an Fernand Point erinnerten.

Ein junger Gast und passionierter Anhänger der Nouvelle Cuisine verglich diese Anhänger lung von Superstars spöttisch mit der Kicker-Truppe von Cosmos New York. Doch als ich ihn nach unzähligen Vorspeisen, Fischgerichten und Fleischgängen wiedersah, balancierte er gerade mit drei gefüllten Tellern zu seinem Platz, und er hatte das verklärte Lächeln eines Menschen im Gesicht, dem sich eine himmlische Erscheinung offenbart. Diese konnte ein mit Kaviar gefülltes, weichgekochtes Ei sein (Bocuse), eine schmelzend zarte Scheibe foie gras (Gaertner) oder eine getrüffelte mousse de foie de vollaille ("Pyramide"); es mochte ihn die unübertreffliche Sauce zum Petersfischfilet des Louis Outhier ("L’Oasis") verzaubert haben oder das Huhn au vinaigre des Pierre Troisgros oder die Marjolaine des François Bise, der die ursprüngliche Machart dieser Schokoladentorte des Fernand Point deutlich verbessert hat; sein Glück mochte von den getrüffelten Fasanenbrüsten mit frischen Pilzen herrühren, die Pierre Gaertner anrichtete oder von den Rehmedaillons des letzten Point-Schülers Raedersdorf, der heute in der Küche neben Paul Haeberlin arbeitet – himmlische Meisterwerke waren es alle. Und insgeheim auch eine kleine Demonstration gegen den modischen Avantgardismus, wie er sich in der Nouvelle Cuisine immer mehr ausbreitet.

Zu diesen und weiteren kostbaren Delikatessen, die von wahren Sturzbächen von Champagner begleitet wurden, fauchten in regelmäßigen Abständen die Heißluftöfen der Ballons, die immer wieder einmal mit einigen Passagieren 30 Meter in die Luft gingen, damit die Gäste das Fest auch von oben sehen konnten. Aus Paris war eine Jet-Ladung Klatschkolumnen-Prominenz eingeflogen worden, von Caroline von Monaco mit Ehemann bis zum Nachtclubbesitzer Castel, von Sascha Distel und Petula Clark bis zu populären Schauspielern und Boulevard-Größen einschließlich Madame Soleil, der Hellseherin. Man war schick, und man hatte nicht die Absicht, sich das Vergnügen beeinträchtigen zu lassen, weder vom unfreundlichen Wetter noch von biederen Funktionären der Provinz-Regierung. Es war wie vor 200 Jahren, als der Hofstaat der französischen Könige in die Schlösser der Edelleute einfiel und Küche und Keller leermachte.