ARD, Donnerstag, 26. Oktober, 20.15 Uhr: „Der Fall D oder ‚Man kann auch sagen, ich bin geflüchtet“‘, Bericht von Erich Potthast. (Wiederholung am 3. November um 16.15 Uhr.)

Wer erfahren möchte, aus welchem Stoff Terroristen sind oder was sie dazu gemacht hat, der kann auf diesen Film getrost verzichten. Der Fall D, D wie Dellwo, handelt davon nicht. Er handelt statt dessen von der Vertreibung einer Familie aus diesem Land, von der Verwirrung eines nicht wenig selbstgerechten Vaters und der dumpfen Sprachlosigkeit einer Mutter, die ihren Sohn, den zu zweimal lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilten Stockholm-Attentäter Karl-Heinz Dellwo (28), verloren glaubt. Und deren zweiter Sohn Hans-Joachim (27) seit über einem Jahr in Untersuchungshaft auf seinen Prozeß wartet: Unterdes Vorwurfs der Mitgliedschaft in einer wegen nellen Vereinigung.

Heinz Dellwo, 54 Jahre alt, freier Journalist, Vater von sechs Kindern und vor drei Jahren vor Drohbriefen und sozialer Diskriminierung nach Südfrankreich „geflüchtet“, stellt sich den Fragen des WDR-Redakteurs Erich Potthast. Die Gespräche wurden im vergangenen, dem deutschen Herbst aufgezeichnet und sollen in der Sendereihe „Kraftproben“ dem Zuschauer die Einsicht vermitteln helfen, daß „Terroristen Kinder dieser Gesellschaft sind“.

An diesem Anspruch ist der Bericht zu messen, und diesem Anspruch wird er auf peinliche Weise nicht gerecht. Was zu belegen ist.

Vater Heinz erzählt. Denn „einer muß mal reden“. Er erzählt, „nicht der billigen Effekthascherei“ wegen, sondern um „die Nachdenklichen im Land anzuregen, Verständnis für eine Jugend zu haben, die manchmal über das Ziel hinausschießt“. Doch von dieser Jugend, seinen beiden Söhnen also, erzählt er nichts. Er spricht über sich selber: darüber, daß er immer für seine Kinder da war; daß er sie zu „kritischen, aber toleranten Menschen“ erziehen wollte; daß er sie niemals eingeengt hat, ihnen nicht das eigene Vorbild aufzwingen wollte. „Wenn man mich nach Erziehung fragt, ich habe nie Erziehungsgrundsätze gehabt.“

Diese Kinder haben ihn schwer enttäuscht: Karl-Heinz, der Ältere, als er die Schule abbrach, Seemann wurde und später bei Hausbesetzungen mitmachte; Hans-Joachim, der Jüngere, der trotz mittlerer Reife, einer Lehre, bester Beurteilungen bei der Bundeswehr und trotz eines sicheren Jobs als Verwaltungsangestellter im Bayerischen letztlich in der Anwaltskanzlei Croissant gelander ist.

Vater Dellwo ratlos, Vater Dellwo labert und lamentiert. Wieso das ihm und das gleich zweifach. Galt er doch als „der letzte Rote“. Er, der „Pazifist“, der von der KPD zur SPD wechselte und schließlich bei Heinrich Bauers Neuer Revue gelandet ist, kann nicht verstehen, daß ihn sein Sohn Karl-Heinz als „journalistischen Strichjungen“ beschimpft, nachdem er mit des Vaters Hilfe in einer Illustrierten-Story zu Markte getragen worden ist. „Es ist alles deprimierend“, meint Vater Heinz, und da hat er ausnahmsweise einmal recht.