Von Gottfried Sello

Gourbet: Das ist, wenn man hundert Jahre Courbet-Interpretation summiert, ein Synonym für Realismus. Das steht, das stand zum mindesten so fest wie das Amen in der Kirche. Man kennt und bewundert ihn als den Mann, der sich daranmacht, die Welt oder das Bild der Welt, das die Maler entwerfen, zu entzaubern, ihr die Poesie auszutreiben und die Wirklichkeit wiederzugewinnen hinter dem Schleier, mit dem die Romantik sie verhüllt hatte. Nüchternheit wird proklamiert. Nymphen und Göttinnen mögen sich in Frauen zurückverwandeln, in Wesen aus Fleisch und Blut, Kellnerinnen, Bauernmädchen, die arbeiten oder schlafen oder baden und dabei mit ungeschickten Bewegungen von den Uferfelsen ins Wasser rutschen. "Zu lange schon haben die Maler, meine Zeitgenossen, die Kunst nach Ideen ausgerichtet..." Er selber, Gustave Courbet, hat sich das Realismusetikett ausgesucht und, ein denkwürdiger Augenblick in der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts, über seinem Pavillon angebracht, den er, der Refüsierte, zur Pariser Weltausstellung 1855 als Protest gegen die, offizielle Kunst der Epoche für sein Werk errichtet, hat, eine der zahlreichen Trotz- und Imponiergebärden, mit denen Courbet die Zeitgenossen zu schockieren liebte.

Und er hat auch nicht versäumt, bei dieser Gelegenheit seinen Realismusbegriff näher zu beschreiben. "Unabhängig von jedem System und ohne Parteinahme habe ich die Alten und die Modernen studiert. Ich wollte weder die einen nachahmen noch die andern kopieren; ebensowenig war es meine Absicht, das müßige Ziel der "Kunst für die Kunst zu erreichen. Nein, ich wollte bloß aus dem ganzen Wissen der Traditionen die begründete und unabhängige Empfindung meiner eigenen Persönlichkeit schöpfen. Wissen, um zu können, das war mein Gedanke; in der Lage zu sein, die Sitten, die Ideen, das Antlitz meines Zeitalters gemäß meiner Einschätzung darzustellen; nicht nur Maler zu sein, sondern auch ein Mensch, mit einem Wort: lebendige Kunst zu machen, das ist mein Ziel!"

Auffällig an diesen programmatischen Sätzen ist ihre Vieldeutigkeit, ist das unüberhörbare Plädoyer für den Subjektivismus: die zeitgenössische Wirklichkeit wird der Empfindung, der Persönlichkeit des Malers ausgeliefert. Courbet hat seine Ziele häufig und unterschiedlich formuliert. "Man muß die Kunst zur Kanaille machen!" schrieb er, als er "Die Steinklopfer" malte, eines der wenigen Bilder, die man als sozialrealistisch bezeichnen könnte. Das Gemälde hing in Dresden und ist im letzten Krieg verlorengegangen, es beweist eindrucksvoll, daß Bilder ihre physische Existenz überleben können: "Die Steinklopfer" sind nach wie vor in jedem Courbet-Buch (auch im Hamburger Katalog) abgebildet und gehören weiterhin zu den Werken, die unsere Vorstellung vom engagierten Maler Courbet bestimmen.

Engagiert und realistisch das allein würde genügen, um Courbet im Zusammenhang mit der neueren Realismusdiskussion in den Vordergrund zu rücken. Das Jubiläumsjahr 1977 – Courbet ist 1877 im Schweizer Exil gestorben – hat ein übriges getan. Paris veranstaltete die obligate Centenaire-Ausstellung, die von London ziemlich unverändert übernommen wurde. Der deutsche Beitrag zum Courbet-Jubiläum ist seit letzter Woche in der Hamburger Kunsthalle zu besichtigen. Werner Hofmann hat diese deutsche Courbet-Ausstellung konzipiert, die in ihren Dimensionen viel bescheidener ist als die Pariser Retrospektive und viel ambitionierter. Bescheidener: Nicht Courbet in seiner Totalität wird thematisiert, auch nicht Courbet und seine Zeit (wie seinerzeit Friedrich und Runge), sondern "Courbet und Deutschland". Aber dieser relativ kleine, bisher wenig beachtete Aspekt wird mit Vehemenz und einer profunden Kennerschaft in die Tiefe und Breite ausgeweitet, wobei sich ständig überraschende Perspektiven, neue Ansichten einer Sache, zuweilen auch neue Einsichten ergeben. Da werden Fragen aufgeworfen, die, wie Hofmann mit Recht vermerkt, für mehr als ein Dutzend Dissertationen ausreichen (obgleich das kein Kriterium für eine der Öffentlichkeit zugedachte Ausstellung sein kann). Da werden Zweifel an der tradierten Courbet-Auffassung angemeldet, da wird sein vielberufener Realismus scharfsichtig unter die Lupe genommen und demontiert.

Ausstellung im Katalog

Man kennt inzwischen Werner Hofmanns Methode, ein Thema geistvoll und spannend zu inszenieren. Fasziniert folgt man dem konzeptualen Höhenflug, der im Katalog seine verbale Entsprechung findet; aber es ist schwierig und streckenweise unmöglich, die geistvollen Eskapaden und Eskalationen in der Ausstellung nachzuvollziehen – weil die Bilder nicht vorhanden sind, sie nur im Katalog abgehandelt und reproduziert sind. Das Gewicht verlagert sich mehr und mehr von der Ausstellung zum Katalog – eine nicht unbedenkliche Entwicklung, die darauf hinausläuft, die Ausstellung überflüssig zu machen, weil Konzept und Katalog das Wesentliche enthalten und den Betrachter, den Leser über die Intentionen informieren. Auf Anschauung und Augenerlebnis, auf die Auseinandersetzung mit dem Original muß er weitgehend verzichten. Wer die Hauptwerke Courbets kennenlernen will, die Schlüsselbilder, das "Atelier" und das "Begräbnis von Ornans", "Bonjour Monsieur Courbet", "Die Mädchen am Ufer der Seine", "Die Toilette der Toten" und die anderen Großformate, ist auf den Katalog und auf eine ad hoc installierte Multimedia-Schau angewiesen, die den Besucher auf die Ausstellung einstimmen soll – die alle diese Bilder nicht zeigt).