Von Cornelia Sonntag

Zwischen acht und neun Uhr morgens gehen die Familienmitglieder ans Werk: in die Schule die Kinder, an den Arbeitsplatz die Eltern. Und am Nachmittag schon, so gegen drei oder spätestens vier Uhr, sind alle zurück – noch frisch genug, um sich anderen Dingen zu widmen: den Einkäufen und Hausarbeiten, den Schulproblemen der Kinder, einer Kaffeeplauderstunde, Hobbys, Sport, Büchern, Gesprächen mit Nachbarn und Freunden. Abends reichen die Kraftreserven zu etwas mehr als der verdösten Phase vor dem Fernseher...

Es ist ein Tag, anders als wir ihn kennen. Nicht so betriebsam, vielleicht auch weniger karriereorientiert. Er besteht nicht nur aus anstrengender, langer Dienstzeit und einem kurzen Feierabend, den vor allem der ermüdete Familienvater als Gastspiel bei den Seinen empfindet, als wortkargen, müden Rest. Es ist ein Tag in zwei ausgeprägten, einander gleichwertigen Phasen – Erwerbstätigkeit und Privatleben.

Ein Traum? Oder vielleicht gar der Alptraum, der so oft ausgemalt wird, weil diese einfallslose Gesellschaft angeblich mit soviel persönlichem, unreglementierten Freiraum nichts Vernünftiges anzufangen weiß? Oder ist es ein Modell – richtungweisend und einleuchtend?

Während die Sozialpartner intensiv über Arbeitszeitverkürzung diskutieren und Gewerkschaften wie IG Metall und Nahrung-Genuß-Gasttätten behutsame Vorstöße für eine wöchentliche Arbeitszeit unter der 40-Stunden-Marke starten, stellt eine Gruppe von Bürgern rigorosere Forderungen: Den "Sechsstundentag für alle", die 30-Stunden-Woche also, verlangt eine Arbeitsgemeinschaft, der zur Zeit etwa 140 Leute angehören. Die "Kerntruppe" hat sich in Hamburg formiert, Anhängerschaft bildet sich aber auch in München, Berlin und Frankfurt. Sie treffen sich in lockerer Folge, knüpfen Kontakte, veranstalten Wochenendseminare, dokumentieren Aussagen Prominenter zum Thema Arbeitszeitverkürzung. Eine Bürgerinitiative also, mit einem langfristigen gesellschaftspolitischen Ziel. Überwiegend Frauen gehören ihr an: Journalistinnen sind darunter, Anwältinnen, eine Richterin, Unternehmens- und Steuerberaterinnen und andere. Stolz ist die Gruppe darauf, daß neuerdings auch aufgeschlossene Männer dazustoßen – das macht, so meinen sie, ihr Programm erst wirklich glaubwürdig. Denn es geht ihnen nicht nur um eine beschäftigungspolitische Maßnahme, sondern darum, die Pflichten in Beruf und Haushalt gleichmäßiger auf Männer und Frauen zu verteilen. Und die Männer müßten dabei mehr umdenken.

Die Aktiven in der Arbeitsgemeinschaft, mit denen ich mich unterhalten habe, bezeichnen sich selbst als "Betroffene". Sie haben erfahren, daß ihre Versuche, Berufswünsche und Kindererziehung auf einen Nenner zu bringen, fehlschlugen. Hiltrud Sennhenn, 39 Jahre alte, Psychologin, beschreibt ihre Situation: "Mit Mühe und Engagement habe ich studiert, dann kamen die Kinder: Zwillinge. Ich habe Kinder gewollt, war eine sehr überzeugte Mutter. Trotzdem stellte ich mit gelindem Schrecken fest, daß ich sehr unzufrieden wurde als Hausfrau. Wir haben allerhand versucht: haben Babysitter geholt, sind in eine Wohngemeinschaft gezogen – wo es mit der gemeinsamen Kindererziehung überhaupt nicht klappte."

Jetzt arbeitet sie freiberuflich beim Diakonischen Werk und fürs Fernsehen, eine Halbtagskraft hilft ihr bei der Hausarbeit. Für sich selbst empfindet sie die Mischung aus Berufs- und Privatleben als "gerade richtig", aber ihr Mann, ein Diplomkaufmann, ist in seiner Firma derart beansprucht, daß ihre beiden jetzt sechsjährigen Töchter den Vater "so gut wie gar nicht erleben".