Von Heinz-Günter Kemmer

Wenn Alfons Cojaniz aus dem Fenster seines Dienstzimmers guckt, dann sieht er das Verwaltungsgebäude des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Aber der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats der Veba AG lebt keineswegs im Schatten der Gewerkschaftszentrale. Die Mitarbeiter des umsatzstärksten deutschen Unternehmens sind in zu vielen Gewerkschaften organisiert, als daß auch nur eine von ihnen in das Unternehmen hineinregieren könnte.

Im Veba-Aufsichtsrat, dem selbstverständlich auch der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats angehört, sind gleich drei Gewerkschaftsvorsiteznde vertreten: Karl Hauenschild von der IG Chemie, Papier, Keramik, Heinz Kluncker von der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, sowie Adolf Schmidt, der Boß der IG Bergbau und Energie.

Obwohl die Veba ihre Steinkohlenbergwerke längst an die Ruhrkohle AG abgegeben hat und nur noch mit 3000 von fast 70 000 Beschäftigten im Braunkohlenbergbau tätig ist, gilt Schmidt bei den Gewerkschaftsführern als primus inter pares. Tradition wird an der Ruhr noch immer groß geschrieben. Und so ist Schmidt und nicht einer der anderen Gewerkschaftsbosse stellvertretender Vorsitzender des Veba-Aufsichtsrats.

Alfons Cojaniz ist stolz darauf, daß so viele Gewerkschaftsbosse mit ihm im Veba-Aufsichtsrat sitzen. Das könne dem Unternehmen wie den Arbeitnehmern nur gut tun. Und zumindest von dem politisch sehr aktiven Adolf Schmidt weiß man ja, daß er in Bonn nicht nur Fäden für seine Bergarbeiter spinnt.

Was an Cojaniz am meisten verwundert, ist die Tatsache, daß er überhaupt im Betriebsrat sitzt. Als sich die Kandidaten für die Sitze der Arbeitnehmer im Veba-Aufsichtsrat den Wahlmännern vorstellten, klangen die Lebensläufe nahezu gleich: Arbeiter, Gewerkschaftsmitglied, schon in jungen Jahren Vertrauensmann und später Betriebsrat. Profis der Betriebsratsarbeit – ihrer eigentlichen Tätigkeit längst entfremdet – stellten sich vor.

Anders dagegen Cojaniz: Angestellter mit Abitur, stellvertretender Abteilungsleiter und erst im Alter von 43 Jahren zum ersten Male in einen Betriebsrat gewählt. Hier wurde Betriebsratstätigkeit nicht zur Ersatzbefriedigung in einem unerfüllten Berufsleben, hier stieß jemand eher durch Zufall auf einen Weg, den er nun allerdings nicht mehr verlassen möchte. Das unruhige Leben eines Konzernbetriebsratsvorsitzenden liegt dem quicken Zweizentnermann mehr als die eher geruhsame Tätigkeit in der Steuerabteilung. Und er bekennt freimütig: "Das Mitwirken an Entscheidungen macht schon Spaß."