Die Pribilof-Inseln hoffen auf Fremdenverkehr und Fischerei

Von Rainer Deglmann-Schwarz

Die Pribilof-Inseln: zwei winzige Eilande in der Beringsee, zwei Pünktchen auf der Landkarte, 1100 Kilometer südwestlich von Anchorage. Und trotzdem, eine der Inseln, St. Paul, zählt jährlich 1,5 Millionen Besucher; davon fallen allerdings 1 490 000 in die Kategorie der Seehunde. Nur das restliche Tausend ist dem herkömmlichen Begriff der Sightseeing-Touristen zuzurechnen. Sozusagen jeder Seehund muß wenigstens einmal in seinem Leben auf den Pribilofs gewesen sein: Die Inseln gehören zu den größten Brutstätten der Welt für diese so beliebten und trotzdem brutal verfolgten Meerestiere. Die Seehunde schwimmen von den Gewässern Kaliforniens und Japans mit sicherem Instinkt auf die Inseln – während der Reisende, der von Anchorage mit einer viermotorigen Electra in zweieinhalbstündigem Flug das Ziel ansteuert, nicht bestimmt weiß, ob die wechselnden Wetterverhältnisse eine Landung überhaupt gestatten – auf einen mächtigen Rumpier beim Aufsetzen kann er sich auf jeden Fall gefaßt machen.

Der erste Eindruck der Insel ist eher enttäuschend, ziemlich kahl, öde, kein Baum, kein Strauch, Wege, die sich in der Tundra verlieren. An der Südwestspitze versammeln sich ein paar Dutzend Holzhäuser um eine russisch-orthodoxe Kirche zu einem Dorf, St. Paul, die einzige Siedlung auf der Insel. Nebel, Wind, Einsamkeit – dies hat die Menschen hier geprägt, hat sie ruhig und bedächtig, freundlich und zurückhaltend werden lassen.

St. Paul zählt 500 Einwohner, davon sind 450 Aleuten, deren Vorfahren vor 200 Jahren von den Russen zum Fang von Seehunden auf den Pribilof-Inseln angesiedelt wurden, viele von ihnen mit russischem Blut in den Adern. Wie denn das Leben hier so sei? "It is okay – ganz gut soweit, wir sind gern hier und möchten unsere Insel mit keiner anderen vertauschen", meint Anna Lestenkof, eine Frau mit unverkennbar asiatischen Gesichtszügen.

Eskimos, Indianer und Aleuten bilden die Eingeborenenbevölkerung Alaskas. Vor etwa 10 000 Jahren, so nimmt man an, ist ein Volksstamm von Asien über eine Landbrücke nach Nordamerika gekommen und hat sich dann im Lauf der Zeit in die genannten Stämme aufgesplittert. Das Leben der Aleuten stand früher ganz im Zeichen der Jagd, vor allem des Fischfangs – auf den Pribilof-Inseln aber gilt die Seehundjagd nach wie vor als lebensnotwendig.

Die Felsküste von St. Paul bot ein aufregendes Bild: Hunderte, nein Tausende und Abertausende von Seehunden rekelten sich auf den Felsen, Seehunde strandauf, strandab. Sie robbten, glitten, rutschten über Steinblöcke, einige drängten sich ins Meer zur Nahrungssuche, andere beäugten mit ihren großen, runden Augen neugierig die Fremden, die, durch eine Bretterwand mit Sehschlitzen von ihnen getrennt, ihre Kameras zückten. Der ganze Strand eine Masse glänzender Körper.