Außerordentlich vor allem deshalb, weil Semjonow als einer derjenigen sowjetischen Politiker gilt, die schon zu den Zeiten des Kalten Krieges einer engen Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik das Wort geredet haben. Mit dem Thema Deutschland ist der bisherige stellvertretende Außenminister seit fast vier Jahrzehnten vertraut: Er war 1940 Botschaftsrat in Berlin, nach dem Krieg ging er als Botschafter in die DDR; dann wurde er Leiter der Deutschland-Abteilung im Moskauer Außenamt. Viele halten den 67jährigen, der, zuletzt bei SALT, auch an zahlreichen internationalen Verhandlungstischen gesessen hat, für einen Mit-Architekten der Breschnjewschen Deutschlandpolitik.

Kommt also ein Freund der Deutschen an den Rhein? Das mag übertrieben sein. Dennoch haben allein die Andeutungen über die Person des neuen Botschafters nicht wenige in Bonn elektrisiert.

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In dieser Woche kann die nach dem Grundlagenvertrag mit der DDR eingesetzte deutsch-deutsche Grenzkommission eine erste Zwischenbilanz ziehen: Fertig ist eine Gesamtdokumentation des Grenzverlaufs und der zahlreichen Übereinkünfte, die während der letzten Jahre zur Regelung von Grenzproblemen getroffen worden sind; Ende November oder Anfang Dezember soll sie von den Beauftragten der Regierungen in Bonn und Ostberlin abgesegnet werden – nicht als eine Art Grenzvertrag, wie dies die DDR ursprünglich wollte, sondern als ein Regierungsprotokoll.

Zwar hatten die Kriegsalliierten die Grenze schon 1944 festgelegt. Aber in der Praxis ist es zu vielen kleinen Abweichungen gekommen. Nun den genauen Verlauf einer Grenzlinie von 1400 Kilometern festzustellen, war nicht immer einfach. Dennoch hat man sich stets geeinigt – mit Ausnahme des inzwischen berühmt gewordenen Elbabschnitts zwischen Schnackenburg und Lauenburg, über den im Bundestag mehr als dreißigmal, meist in der Fragestunde und meist auf Betreiben der Opposition, gesprochen worden ist. Doch immerhin: Bis zur Lösung auch dieses Problems soll beiderseits alles vermieden werden, was zu Schwierigkeiten führen könnte.

Im übrigen regeln die Vereinbarungen viele Einzelfragen – von der Behandlung von Bootsfahrern, die unabsichtlich in den Bereich des anderen Staats geraten, über den Abbau des "grenzüberschreitenden" Braunkohlevorkommens bei Harbke und Helmstedt bis zum Schutz Coburgs vor Hochwasser durch ein Rückhaltebecken, das auf DDR-Gebiet errichtet wird. Die Normalisierung des innerdeutschen Umgangs – sie scheint wenigstens im kleinen voranzugehen.

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