Von Richard Gaul

Die Regie war perfekt: Die Aktionäre der Südteilen AG beschimpften am Vormittag in der Sindelfinger Stadthalle ihren Vorstand unter Ausschluß der Öffentlichkeit; auf der eigentlichen Hauptversammlung wurde dann ein Bild relativer Geschlossenheit vermittelte Wolfgang Weber, umstrittener Vorstands Vorsitzender des Unternehmens, könnte so seinen Kopf noch einmal retten.

Die Milchbauern und Aktionäre erlebten eigentlich zwei Veranstaltungen mit zwei verschiedenen Webers: Am Vormittag, als "die Presse" während der "bäuerlichen Vorbesprechung" sorgfältig vor den Türen gehalten wurde, einen Mann, der weniger über die Lage des Unternehmens als über die Angriffe des Bauernverbands-Präsidenten Carl Dobler redete – der war selbstverständlich auch erst später geladen; am Nachmittag einen Vorstandsvorsitzenden und Manager, der, um Sachlichkeit bemüht, eine bessere Zukunft für die sieche Molkerei versprach.

Und auch die Aktionäre waren wie umgewandelt: Als man unter sich war, wurde Tacheles geredet: "Herr Weber, wenn Sie nächstes Jahr noch hier sind, schlachte ich meine Kühe ab. Sie haben uns lange genug an der Nase herumgeführt." Nach dem Essen hieß es dann lediglich noch: "Wir haben jetzt ein Unternehmen, das nahezu nichts mehr auf den Rippen hat."

Als Journalisten und Ehrengäste noch vor dem Saal warteten, ließ sich Weber offen Lügen vorwerfen. Ja, der Vorstandsvorsitzende begründete die Einsetzung eines Arbeitskreises zur Untersuchung der Unternehmenskonzeption sogar damit, daß er dann "dem Gerede entgegentreten kann, dem Weber sei nicht zu glauben". Die Bauern gaben ihm "noch ein Jahr Frist", und Weber war sich nicht zu schade, darauf hinzuweisen, daß der jetzige Vorstand noch Verträge für rund zwei Jahre habe, daß also bei einer vorzeitigen Ablösung das Gehalt – "die Summe steht im Geschäftsbericht – für ihn und seine drei Kollegen so lange weitergezahlt werden müsse.

Nachmittags war der Südmilch-Boß dann empfindlicher: Schon die Wertung "rosa Farbe" für seine Schilderung des laufenden Jahres wies er energisch zurück. "Ich habe gesagt, wie es ist. Und wie es ist, ist es." Seine Zustandsbeschreibung verspricht für 1978 ein ausgeglichenes Ergebnis und für die Zukunft bessere Zeiten.

Geglaubt haben ihm das die Bauern am Vormittag nicht so recht, am Nachmittag aber haben sie diesen Glauben dokumentiert: Mit fast neunzig Prozent der anwesenden Stimmen sprachen sie dem Vorstand die Entlastung aus.