Von Heinz-Günter Kemmer

Die Optimisten nehmen Rache. Sie, die drei Jahre hintereinander mit Champagner und Cognac verlorene Wetten über die Höhe der Rohstahlproduktion einlösen mußten, kassieren jetzt. Kaum jemand zweifelt noch daran, daß die deutschen Werke in diesem Jahr mehr als 42 Millionen Tonnen Rohstahl herstellen werden. Und an diese Menge haben zu Beginn des Jahres nur ganz wenige Optimisten zu denken gewagt. Wer Mut hatte, stieß überall auf bereitwillige Wettpartner.

Obwohl die Rohstahlerzeugung von Januar bis Juli das Vorjahresniveau um sieben Prozent übertraf, unkte die Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie noch im Sommer: "Dieses Niveau, das einer theoretischen Jahreserzeugung von 42,6 Millionen Tonnen – 1977 waren es 39 Millionen Tonnen – entspricht, läßt sich aber mit Sicherheit nicht durchhalten, da es durch die Nachfrage nicht abgestützt wird."

Schon Ende August war jedoch das Vorjahresniveau um 7,8 Prozent, Ende September gar um 8,6 Prozent übertroffen. Selbst wenn sich diese Steigerungsrate nicht erhöhen sollte, würde die Produktion auf 42,35 Millionen Tonnen klettern. Eher ist jedoch mit einer weiteren Zunahme zu rechnen; eine Rohstahlerzeugung von mehr als 43 Millionen Tonnen liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Und das haben sich selbst die größten Optimisten von diesem Jahr nicht versprochen.

Auch diese mögliche Produktion muß zunächst allerdings relativiert werden: Sie liegt immer noch um zehn Millionen Tonnen unter der des Rekordjahres 1974. Grund zum Jubeln gibt es also nicht. Aber allmählich kommt Land in Sicht, nach vier Jahren der Krise zeichnet sich endlich eine Besserung ab. So gibt denn Heinz Solbach, der Vorstandsvorsitzende der Hoesch Werke AG, unumwunden zu: "Die Ertragslage hat sich wesentlich verbessert."

Wo immer man sich in der Branche umhört, ist von Erleichterung, keineswegs jedoch von Befriedigung die Rede. Kaum jemand traut dem Frieden, der da plötzlich ausgebrochen ist. So schränkt auch Solbach seine positive Aussage gleich wieder ein: "Nach wie vor ist die Zunahme des Verbrauchs gering, wir rechnen auch für 1979 mit nicht mehr als zwei Prozent."

Aber Solbach meint den deutschen Markt –, und von dem kommt die Erholung nicht. Das Mengenwachstum findet im Ausland statt, der Weltstahlmarkt ist umgeschlagen. Vergleicht man die Lieferungen der deutschen Werke im dritten Quartal 1978 mit denen des ersten Halbjahres, dann wird ganz deutlich: Während der deutsche Markt und die übrigen Länder der Europäischen Gemeinschaft (EG) im Monatsdurchschnitt weniger abnahmen, sind die Lieferungen in Drittländer kräftig gestiegen. Dabei ist der Rückgang im Inland und innerhalb der EG wegen der immer weiter um sich greifenden Betriebsferien sicherlich nicht typisch für die Marktentwicklung; der Anstieg im Export ist dagegen so gravierend, daß von einem Zufallsergebnis keine Rede mehr sein kann.