Von Klaus von Schubert

Vor einem Jahr – die Rudel-Affäre war kaum überstanden hatte die Münchner Hochschule der Bundeswehr ihre "Vorfälle". Im vergangenen Sommer kritisierte Graf Baudissin den Zustand der von ihm einst konzipierten Inneren Führung. In diesem Herbst erfuhren wir aus einer an der Hamburger Hochschule gefertigten Studie, zehn Prozent der Offiziersstudenten litten an einem Syndrom rechtsextremer Einstellungen. Der Jahresbericht des Wehrbeauftragten bestätigt, was jeder "Insider" weiß: Die politische Bildung erreicht trotz aller Führungsimpulse und trotz einer auf dem gegenwärtigen Stand der pädagogischen Diskussion stehenden Vorschrift ihre Adressaten nicht.

Vernachlässigt die Bundeswehr einen zentralen Aufgabenbereich? Kann sie der Last ihrer "unbewältigten Vergangenheit", so die Überschrift von Aufsätzen junger Offiziere zur "Krise der Inneren Führung", nicht standhalten? Nein, so stimmt es nicht. Daß sich unsere Gesellschaft weder mit sich selbst noch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, kann der Bundeswehr nicht angelastet werden. Dieser Mangel wird hier nur besonders deutlich sichtbar. Die Bundeswehr ist eine Wehrpflichtarmee, und auch ihre Kader sind so weit in die Gesellschaft integriert, daß Vorgänge innerhalb der Streitkräfte einen hohen Indikator-Wert für Probleme der bundesdeutschen Gesellschaft besitzen.

Die Bundeswehr tut gegenwärtig viel für die Innere Führung, für die Ausbildung und auch für die Wissenschaft. Aber sie tut sich schwer damit. Den ersten Stein möge werfen, wer für den Geschiehts- und Sozialkundeunterricht an unseren Schulen bürgen will. Die Bundeswehr kann bei ihren Wehrpflichtigen in fünfzehn Monaten wenig kompensieren, und bei ihren Offizieren und Unteroffizieren ist sie vor die unangenehme Aufgabe gestellt, Nachhilfeunterricht erteilen zu müssen.

Wer im Elternhaus und in der Schule kaum etwas vom Nationalsozialismus gehört hat, wem zum Beispiel das durch die ganze deutsche Geschichte hindurch problembeladene Verhältnis von Militär und Politik nichts sagt, wer den Namen Adenauer vom Hörensagen kennt, die Namen Erler und Brentano – so eine in München gestellte Testfrage – gar nicht unterbringen kann, den würde man zu Recht als kaum zum Offizier qualifiziert einstufen. Eben dieser Typus stellt aber einen höchst durchschnittlichen Abiturienten dar. Hier soll nicht das von Professoren aller Zeiten und Sparten bekannte Lamento über die geringen Kenntnisse der Abiturienten fortgesetzt werden – das Wissen meiner Studenten ist größer als meines nach dem Abitur –, es gibt aber schwerwiegende Verarbeitungsdefizite bei den Schülern; auch die Verteilung des Stoffes ist diskussionsbedürftig.

Nach meiner nicht repräsentativen Beobachtung endet der Geschichtsunterricht nach wie vor bei etwa einem Drittel der Schüler mit der Weimarer Republik, bei einem weiteren Drittel mit der Machtergreifung Hitlers 1933 und reicht nur beim letzten Drittel bis zur Katastrophe von 1945 und zur frühen Nachkriegszeit, Die gesamte Geschichte der Bundesrepublik fehlt im Unterricht. Zwischen den im Geschichtsunterricht vermittelten Kenntnissen und dem gegenwärtigen Problemhorizont, der im Sozialkundeunterricht behandelt wird, klafft eine nicht überbrückte Lücke. So entsteht die oft beklagte Geschichtslosigkeit.

1953 wurde in München das Institut für Zeitgeschichte gegründet. Das war acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Inzwischen sind 33 Jahre seit Kriegsende vergangen. Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Beginn der Republik von Weimar lagen 1953 etwa gleich weit zurück. Doch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist noch kaum zum Thema geworden, weder in der zeitgeschichtlichen Forschung noch in der universitären Lehrerbildung und darum auch überhaupt nicht im Schulunterricht. Der nachwachsenden Generation fehlt der Anschluß von der Geschichte zur Politik.