Von Hansjakob Stehle

Rom, im Oktober

Onkel! Onkel!" Der Mann, der eben noch auf der päpstlichen "Cattedra" thronte – nein, einfach saß, und sie dann wie einen unbequemen Hochsitz verlassen hat, er nimmt den Zuruf belustigt auf, macht sich nun vollends frei von betreten dreinblickenden Protokollprälaten, die ihn am Ärmel zupfen. "Haiina! Du hier! Ach, ihr alle – wie gut, daß ihr mir helft!" Er drückt die Hände der jungen Frau und die vielen anderen, die sich ihm entgegenstrecken. Nein, sie ist keine Verwandte des neuen Papstes; eine ehemalige Studentin des Professors Wojtyla hat seinen Kosenamen aus alten Lubliner Universitätszeiten wie eine Parole in den Audienzsaal gerufen. "Wann kommst du wieder nach Krakau?" – "Wenn sie mich lassen." Wer "sie" sind, bleibt mit leiser Ironie so offen, daß jeder versteht: Dieser Papst läßt sich im neuen wie im früheren Amt von niemandem hindern, er selbst zu sein ...

Es war eine der vielen Szenen, mit denen Johannes Paul II. in der ersten Woche seines Pontifikats nicht nur stilistische Zeichen setzte. Manche sprechen von "Regie" und erinnern ohne Bosheit daran, daß dieser Papst aus Polen einst vom Theater zur Theologie kam. Der Tonfall seiner Ansprachen und Predigten verrät Schulung; auch in gelesenen Texten versteht er dramatische Akzente anzubringen, Ungesagtes hörbar zu machen: "... öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen wie die politischen Systeme..." – so lautete der am meisten zitierte Satz, den er in alle Welt rief, Doch begonnen hatte er den Satz leise mit einer Begrenzung auf das rein Religiöse: "Reißt für Christus die Türen auf! Seiner erlösenden Macht öffnet die Grenzen ..." Und dann wie eine Beschwörung: "Habt doch keine Angst!"

Nur zu gut versteht gerade dieser Papst, wo und warum solche Öffnung als "ideologische Unterwanderung" gefürchtet wird, was es bedeutet, daß seine Worte, seine feierliche Messe drei Stunden lang von Rundfunk und Fernsehen in Polen ausgestrahlt wurden – bis weit hinein nach Weiß-Rußland, nach Litauen, in die Tschechoslowakei. Die vatikanamtliche Übersetzung der Papstrede sprach der polnische Fernseh-Korrespondent, unterstützt durch Pater Nowak von Radio Vatikan, direkt und simultan aus. einer Kabine auf dem Petersplatz ins Warschauer Sendestudio. Nicht nur technisch war es unmöglich, gewisse Sätze zu unterschlagen (wie eine Presse-Agentur irrtümlich berichtete), auch politisch wäre es eine arge Dummheit gewesen. Schließlich hatten Polens Kommunisten viel mehr riskiert, als sie der katholischen Nation (und ihrem eigenen heimlichen Stolz) eine solche Direktübertragung zustanden. Der Wojtyla-Papst wollte ihnen nichts allzu Peinliches zumuten; mit viel Takt bei aller Klarheit nutzte er seine erste große Chance.

Auch wenn es viele seiner Landsleute und ihr patriotischer Kardinalsprimas (den der Papst mit rührender Brüderlichkeit ehrte) nicht ganz wahrhaben möchten: Wojtyla will und kann nicht "immer polnischer Bischof bleiben" (so Wyszynski in Rom). Als Oberhirte von Krakau konnte, ja mußte er nicht selten die Staats- und Parteigewaltigen ignorieren oder herausfordern; ohne Solidarität mit dem Primas war die Stellung nicht zu halten. Doch der Kampf um die Selbsterhaltung einer Kirche ist eine zu ernste Sache, als daß er allein den "Generalen" überlassen werden kann. Aus der zentralen Schaltstelle einer Weltkirche wie der römischen weitet sich der Blick über "provinzielle" Fronten hinaus.

Freundlich und ohne (wie es Paul VI. bei Begegnungen mit Atheisten tat) die geistliche Stola abzulegen, empfing der neue Papst den polnischen Präsidenten Jablonski, zuerst unter vier Augen, dann mit Gefolge. Alle, vom Vizeaußenminister bis zum Leibarzt, vermochten sich der Faszination des Augenblicks nicht zu entziehen: Hatte man nicht doch diesen Krakauer Priester verkannt, wenn man in ihm nur den Gegner, sogar den besonders unberechenbaren, sah? Jetzt als Papst schien er – souverän, doch ohne kühle Distanz – weit von lokalen Querelen abgerückt zu sein. Und dennoch packte er die Kernfrage: das Problem der Toleranz. Minister Kakol vom Warschauer Kirchenamt hatte noch zwei Tage vorher gestanden, daß es in Polen "kein pluralistisches System gibt" – "noch nicht gibt", so hatte ihn ein polnischer Diplomat zu verbessern versucht – "auch nicht geben wird", hatte Kakol allzu ehrlich beharrt. Nun standen er und seine Genossen fast andächtig vor einem Papst, der an die große Tradition der Duldsamkeit in Polen erinnerte und ohne Scheu vor den historischen Wänden des Vatikan-Palastes auch daran, daß Polen "niemals Scheiterhaufen errichtet haben". Könnte – so Papst Wojtyla gesprächsweise – ein Land wie Polen nicht auch heute "beispielhaft" werden?