Frankreichs Diplomatie hat einen Chef auf Abruf. Noch vor Ende des; Jahres dürfte Jean Francois-Poncet neuer Außenminister werden.

Schon nach den Parlamentswahlen im vergangenen Frühjahr, als Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing eine neue Regierung bildete, wurde in Paris mit der Ablösung von Außenminister Louis de Guiringaud (67) gerechnet. Der Chef des Quai d’Orsay, zuletzt Botschafter bei den UN, ist ein klassischer Karrierediplomat. Seine Ernennung im August 1976 war deshalb im Außenministerium einhellig deshalb worden. Doch politisch gilt der parteilose Minister seit langem, als Mann ohne Fortune und als blasser Vertreter der auf Glanz und Tradition Vertreter französischen Diplomatie.

Der Nachfolger scheint bereits festzustehen: Jean François-Poncet, 49 Jahre alt, seit Juli 1976 Generalsekretär des Elysée und damit engster Mitarbeiter Giscards. Auch François-Poncet kennt den Quai d’Orsay aus eigener Erfahrung: Nach dem Besuch der Eliteschule Ecole Nationale d’Administration, die er 1955 als Bester seines Jahrgangs abschloß, entschied er sich für die diplomatische Laufbahn.

Schwerpunkt seiner Tätigkeit im Ministerium waren Fragen der europäischen Einigung. 1971; nach zweijährigem Wirken in der Botschaft von Teheran, wechselte François-Poncet in die Privatwirtschaft und leitete vier Jahre lang ein Familienunternehmen der Schwerindustrie. Anfang 1976 wurde er von Giscard zum Staatssekretär im Außenministerium ernannt, bevor er ins Elysée berufen wurde.

Die Ernennung von Francois-Poncet wäre aus mehreren Gründen nicht überraschend. Politisch verkörpert er die von Giscard vorsichtig betriebene. Öffnung zur linken Mitte, da er aus der liberalen, laizistischen Tradition der Radikalen Partei kommt. Den Präsidenten und seinen Generalsekretär verbindet seit langem ein freundschaftliches Verhältnis. Da die französische Außenpolitik weit mehr im Elysée als im Quai d’Orsay gemacht wird, dem Außenminister Somit wenig Spielraum für eigene Initiativen bleibt, würde François-Poncets Ernennung den Einfluß des Staatspräsidenten noch deutlicher als bisher dokumentieren.

Die Erfahrung des künftigen Ministers in Europa-Fragen ist besonders gefragt, weil Paris Anfang 1979 den Vorsitz im Ministerrat der Europäischen Gemeinschaft übernimmt. Mit der Vorbereitung der Direktwahlen zum europäischen Parlament und dem Aufbau der Währungsunion werden während der Zeit des französischen Vorsitzes wichtige Entscheidungen fallen. Auch für die unerläßliche Absprache mit Bonn scheint François-Poncet ein geeigneter Mann: Er ist ein Sohn des langjährigen Botschafters, in Berlin und Bonn, André François-Poncet. Außerdem hat er sich mit einem Standardwerk über die deutsche Wirtschaft als Kenner der Bundesrepublik ausgewiesen. smi