Von Reinhardt Stumm

Wie wichtig die Erreichbarkeit, wie wichtig das Wachhalten von Namen, wie wichtig Bücher sind, wurde plötzlich wieder deutlich: Vor ein paar Jahren las ich in einem Gedichtbändchen, das mir dann wieder aus den Händen ging, eine "Ernste Mahnung 75" des DDR-Dichters Rainer Kirsch. Sie richtete sich an den Odendichter H. Czechowski (mal heißt er in diesem Text Czecho, mal C., das H. löst Kirsch gar nicht erst auf, ist unwichtig). Dieser Odendichter hatte Jahre vorher seinen Freunden mit einem Karpfenrezept den Mund wäßrig gemacht und dabei in Aussicht gestellt, diesen Karpfen auch einmal zuzubereiten. Aber, stellt Kirsch in gelassener Reihung von diesem Und jenem fest, es kam dauernd etwas dazwischen: "Theater, Umzug, Besuch, ein krankes Kind, Parteiverfahren" – und was Kirsch bleibt, ist die "ungeheure Ahnung im Mund". Daß Czecho nun aber in der Zwischenzeit auch noch "ein längeres Werk von Karpfenessen/ Achtstrophig und in Vierzeilern, doch reimlos/veröffentlicht", das schlägt dem Faß den Boden aus. Ungehalten mahnt der Dichter den treulosen Koch: "Statt der Oden auf den Karpfen / Gib uns den Karpfen, gleich!" Das hat mich damals sehr amüsiert, ich hatte ein paar Verse aus der Karpfen-Mahnung im Kopf, vergaß sie dann wieder – und Kirsch war nahezu unerreichbar. Jetzt fand ich das Gedicht wieder. In dem Band von –

Rainer Kirsch: "Auszog, das Fürchten zu lernen – Erzählungen, Gedichte, Essays, Eine Komödie"; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1978; 18,50 DM

und merkte, wie das Gedicht im Gesamtkontext dieses Buches sich plötzlich auch noch anders lesen ließ. Gib uns den Karpfen statt der Oden auf den Karpfen? Wer den Kirsch hier von vorn bis hinten liest (die Gedichte stehen hinten), der kann ein wenig was lernen von der Kunst der Verschlüsselung – oder, wollte man Kirsch für einen naiven Intellektuellen halten, von der Kunst der sublimen Verdrängung. Was – auf Kirsch angewendet – vollendeter Unsinn wäre.

In der DDR seien seine Texte wegen ihrer unerbittlichen Gesellschaftsbetrachtung fast genauso unbekannt wie in der Bundesrepublik, steht im Rowohltschen Begleittext zu diesem Buch. "Unerbittlich?" Gerade das sind Kirschs Texte eben nicht. Sie sind sanft, von schwebender, heiterer. Ironie und Gelassenheit– und nur von ganz weitem läßt sich ahnen, was diese Qualitäten kosten. Kirschs Texte sind doppelbödig, und die Böden sind so dünn, daß man immer wieder durchbricht und in einem Keller voller unbeantworteter Fragen sitzt. "Sätze, die vom Zensor gestrichen werden, werden zu recht gestrichen", wußte Karl Kraus. Kirsch weiß es genausogut. Man kann bei ihm nicht streichen – man kann ihn, offenbar, nur weglassen.

Märchen: "Die Rettung des Saragossameeres", und darin lapidar der Satz: "Dumm sein ist dumm, Dummheit verbreiten dümmer."

Eine Erzählung: "Erste Niederschrift", der Bericht des inhaftierten Dichters, der mit Hilfe einer Tarnkappe auch die Sitzung eines Rats der Hochverantwortlichen besucht und dabei entdeckt wird. Der Dichter schreibt: "Daß ich Staatswichtiges weglasse, versteht sich aus meiner Erziehung – ich bin Beamtensohn – wie aus dem Wunsch, friedlich alt zu werden." Und an anderer Stelle dieser Erzählung halb entschuldigend, halb rechtfertigend: "Die einzigen Abweichungen vom öffentlich Üblichen, die ich mir gestatte, sind gelegentlich radikale Sätze zum Landes- oder Weltzustand, was wieder mit meinem. Beruf zu tun hat: Keine. Mächtigen der Welt können Chronisten haben, die gut schreiben und gleichzeitig schreiben, was von ihnen erhofft wird." Der Rundschlag, der in diesem Satz steckt, geht nahezu unbemerkt dahin.