Der Traum vom reichsten Land der Welt ist ausgeträumt

Von Hans-Hagen Bremer

Von hier haben Sie einen schönen Blick auf die bankrotte norwegische Industrie", witzelt der Gastgeber. Hier – das ist eine der oberen Etagen in einem der wenigen Hochhäuser Oslos, von wo sich dem Besucher eine weite Aussicht über die wuchtigen Rathaustürme, im milden Herbstnebel verlierenden Buchten des Fjordes eröffnet. Hier ist das Sekretariat des norwegischen Industrieverbandes untergebracht.

Die Unbekümmertheit, mit der der Gastgeber, ein junger Wirtschaftswissenschaftler im Dienste des Industrieverbandes, über die Lage derjenigen spricht, für die er eigentlich Werbung betreiben sollte, erscheint nicht einmal ungewöhnlich. Denn in Norwegen, dem einzigen westlichen Industrieland außer der Schweiz, das die lange Talfahrt der Weltwirtschaft bisher mit Vollbeschäftigung durchstand, macht sich Katzenjammer breit.

Sichere Arbeitsplätze, volle Lohntüten und wachsender Wohlstand sind für alle Nachkriegsregierungen Norwegens vorrangige Ziele gewesen. Auch die Regierung des Sozialdemokraten Odvar Nordli setzte in den vergangenen Jahren keine anderen Prioritäten – trotz Ölkrise und Konjunktureinbruch. Sie mußte dies tun, weil Arbeitslosigkeit seit der großen Krise der zwanziger Jahre, die Norwegen härter als die meisten anderen Industrieländer traf, für die vier Millionen Norweger eine Art Trauma ist. In der Angst seiner Landsleute vor dem Verlust des Jobs sieht Notenbankpräsident Knut Getz Wold "fast eine Parallele zur Furcht der Deutschen vor Inflation".

Notbremse gezogen

Freilich: Die strikte Vollbeschäftigungspolitik, mit der die Arbeitslosenquote unter einem Prozent gehalten wurde, hat auch ihre Nachteile. Um die antizyklischen Geldspritzen für die Wirtschaft zu finanzieren, türmte Oslo einen hohen Schuldenberg auf. Die Regierung glaubte sich das leisten zu können – in der Hoffnung auf den künftigen Einnahmestrom aus dem Nordsee-Öl.