Von Jochen Hieber

Die Absicht zu einer Handlung, die ausgeführt – ins Vergehen oder gar ins Verbrechen geführt hätte: ein assoziationsreiches Thema für eine Anthologie! Ein Thema, das beide, Autoren wie Leser, geradezu herausfordert, an das zu rühren, was Grund hat, in der Verborgenheit des Verdrängten zu bleiben. Alle Beiträger zu dieser Prosasammlung

Heinrich Böll, Peter Härtling, Adolf Muschg, Gabriele Wohmann: "Fälle für den Staatsanwalt", Erzählungen; Residenz Verlag, Salzburg, 1978; 136 S., 19,80 DM

nehmen es mit der Erforschung eigener und potentiell krimineller Energie sehr genau. Mehr noch: Aufgespürt werden auch Geschehnisse und Verhaltensweisen, die von den Strafgesetzbüchern noch nicht oder nicht mehr erfaßt werden, die eben deshalb aber in einem weiteren, moralischen und existentiellen Sinn auf Verfehlung und Unrecht, auf Schuld und Versagen verweisen.

Wenn sich trotzdem leises Unbehagen, einstellt, so darum, weil die Anthologie im ganzen zu verhalten, bisweilen gar etwas harmlos wirkt.

Diese atmosphärische Charakterisierung gilt selbst für die Geschichte, die sich ohne ironische Brechung auf ein tatsächlich vorstellbares und in den §§239 und 240 StGB einschlägig definiertes Verbrechen ihres Verfassers einläßt. Gemeint ist Peter Härtlings Text: ein klarer, mindestens mittelschwerer Fall von Freiheitsberaubung und Nötigung. Ein Akt von Selbstjustiz, zudem mit Vorsatz geplant und ausgeführt an Stefan Woyta, einem mittlerweile Sechzigjährigen "auf der Höhe des Erfolgs" Dessen verborgen gebliebene Vergangenheit spürt der Erzähler auf. Woyta hatte "drei Jahre lang zur Wachmannschaft eines Vernichtungslagers gehört. Dreißig Jahre später endlich findet er seinen (allerdings: selbsternannten) Richter, weil die rechtens bestellten ihn nicht fanden, vielleicht nicht finden wollten.

Eigenes Unrecht zu begehen und sich dadurch eher auf eine Stufe mit dem ehemaligen Täter zu stellen, als dessen Schuld der allgemeinen Bereitschaft zur "Vergeßlichkeit" anheimzugeben: von diesem Problem handelt Härtlings literarisches Bekenntnis. Ein ernstes, sehr aktuelles Problem, in einer Zeit, in der man sich nicht schämt, einer Generalamnestie für Naziverbrechen das Wort zu reden. Härtling stellt das Handeln seines Erzählers als Folge persönlicher Betroffenheit dar. "Für Ottla" heißt die Geschichte. Es ist die Geschichte der durch den berühmten Bruder bekannt. gewordenen und doch ungenannten Ottla Kafka. Eine Geschichte, die die Unbarmherzigkeit des Autor-Erzählers begründet, weil sie dort endet, wo Woytas verbrecherische Schuld beginnt: in den Gaskammern von Auschwitz.