Von Eduard Neumaier

Wien, Ende Oktober

Es käme einem Wunder gleich, wenn Pavel Kohout die Grenze seines Landes, das er völlig überraschend gemeinsam mit seiner Frau Jelena verlassen darf, in einem überschaubaren Zeitraum noch einmal in Richtung Heimat überschritten könnte. Die Prager Behörden haben ihm erlaubt, für einige Monate nach Wien zu gehen, wo auf den Dramatiker und Schriftsteller ein Werkvertrag mit dem Burgtheater wartet. In einem Interview mit dem österreichischen Rundfunk hat Kohout beteuert, er beabsichtige, nach Ablauf der Frist zurückzukehren. Indessen klingt solche Zuversicht nach Zweckoptimismus. Wenn das Regime auch der Ehefrau die Ausreise genehmigt, so hofft es, einen Kritiker loszuwerden, den es schon so oft aufgefordert hat, das Land zu verlassen. Und die Kohouts sind dazu seit langem entschlossen. Es wird wohl geschehen, was auch im Fall von Zdenek Mlynar geschah, der im letzten Jahr ebenfalls die Ausreiseerlaubnis erhielt: Prag wird den Kohouts die Staatsbürgerschaft entziehen.

Der Fall Kohout ist symptomatisch in mancherlei Hinsicht: für die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit, für die Zielstrebigkeit einer durch nichts zu beeinflussenden Strategie der Demoralisierung von Seiten eines starren Regimes, für die Stagnation der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung.

In den Jahren nach dem Prager Frühling von 1968 durften Kohouts Theaterstücke nicht gespielt werden; nichts von ihm wurde gedruckt. Ihm ging es gleichwohl vergleichsweise gut, denn im westlichen Ausland, das Kohout sogar ein paarmal besuchen durfte, haben Bühnen, Fernsehen und Rundfunk seine Arbeiten gebracht; seine Bücher fanden Käufer, seine Aufsätze wurden veröffentlicht. Kohout hatte wenigstens Geld. Das Regime versetzte ihm freilich Nadelstiche. Die Staatsanwaltschaft lud zu "freundlichen Gesprächen" ein, wie Kohout die nie zu Anklagen verwertbaren Verhöre nannte. Dazu gehörten auch die gelegentlichen Begleiter auf seinen Wegen in die Stadt und die Aufpasser vor dem Eingang zu seiner Wohnung auf dem Hradschin.

Mit der "Charta ’77" zu deren Autoren auch Kohout zählt, nahm der Druck zu: Das Auto, der Führerschein, der Personalausweis wurden eingezogen, die Altersversorgung gestrichen. Das Telephon, immer schon abgehört, wurde gesperrt und abmontiert; die Wohnung auf dem Hradschin mußte geräumt, ein unzumutbares Quartier am Stadtrand bezogen werden. Rechtlich waren die Kohouts Landstreichern gleichgestellt. Dazu kamen Anpöbeleien in anonymen Briefen (während Briefe von Freunden nicht ankamen), Verhöre, Körperverletzungen durch Polizisten, Zeitungspolemiken, Beleidigungen und Beschimpfungen. Als Frau Jelena sich wehrte, handelte sie sich jene Anklage ein, die am Ende den Anstoß dazu gab, dem Vaterland den Rücken zu kehren; ihr drohte eine vieljährige Haftstrafe.

Seit der "Charta ’77" hat das Regime sein Ziel nicht aus dem Auge verloren, diese Bürgerrechtsbewegung zu vernichten. Es hat in den zurückliegenden zwanzig Monaten seine Taktik geändert, nicht jedoch seine Absichten. Abgegangen ist es nur von den frontalen publizistischen Attacken, die Überlebende aus den fünfziger Jahren an die Diffamierungen der Slansky-Gruppe erinnerten. Im Sommer 1977 – die Nachfolgekonferenz von Helsinki in Belgrad stand bevor – flaute die Kampagne gegen die "Charta"-Mitglieder in den Medien ab. Die Behörden verlegten sich auf stille Methoden. Hunderte wurden Opfer behördlicher Schikanen. Die Prominenten unter ihnen wie der früherer Außenminister Jíři Hajek, der ehemalige Vorsitzende der Nationalen Front, František Kriegel, und der ehemalige ZK-Sekretär Zdenek Mlynar standen unter Hausarrest. Einer der Sprecher der "Charta", der Philosoph Jan Patocka, starb an den Strapazen der ständigen Verhöre; ein zweiter Sprecher, der Schriftsteller Václav Havel, wurde mit anderen verurteilt.