ZEIT: "Für die kubanischen Revolutionäre ist das Schlachtfeld die ganze Welt", hat Fidel Castro vor zwanzig Jahren erklärt. Wie, Professor Laqueur, sieht dieses "Schlachtfeld" heute aus? Hat sich die kubanische Revolution als ein brauchbares Export gut erwiesen?

Laqueur: Nein, selbst nicht in Südamerika, für das Castros Doktrin ja ursprünglich gedacht war. Tatsache ist, daß die kubanische Revolution seit dem Tod von "Che" Guevara in Bolivien als Exportartikel viel von ihrer Attraktion eingebüßt hat. Tatsache ist weiter, daß man in Südamerika nach 1967 schon vom Guerilla-Krieg zum Terrorismus überging. Terrorismus fand aber nicht die uneingeschränkte Billigung der Kubaner, denn Castro votierte ja aus ideologischen Gründen gegen den Kampf in der Stadt. Sein berühmter Ausspruch: "Die Stadt ist das Grab der Revolutionäre!" belegt seine Position.

Selbst in Südamerika wird man – bei aller Symphatie für Kuba – heute kaum noch Menschen finden, die sehr begeistert über Kubas "Revolution" sind. Das gilt um so mehr in Asien, wo sich ja nie besonderes Interesse für Kuba geregt hat. In Afrika sieht es ein klein wenig anders aus, seit dort die Kubaner mit ihren Hilfslegionen auftreten. Ihr Hauptbeitrag liegt allerdings in der Lieferung von Soldaten, von Munition und Waffen, nicht aber in der Verbreitung ihrer hausgemachten Ideologie. Was Europa betrifft – die große Begeisterung der 50er und anfangs der 60er Jahre ist sicher noch in Erinnerung.

ZEIT: Sozialwissenschaftliche Revolutionstheoretiker neigen auf der Suche nach historischen "Richtwerten" dazu, neben der französischen folgende "klassische Revolutionen" zu benennen: Rußland (1917), China (1949), Kuba (1958/59). Ist diese Reihe sinnvoll? Was war denn "klassisch" an der kubanischen Revolution?

Laqueur: Es ist gerade heute klar, daß die kubanische Revolution ein historischer Zufall war, was sich von den Revolutionen in Frankreich, Rußland und China nicht sagen läßt. Je weiter die Dinge in die Vergangenheit rücken, um so klarer sieht man, daß in Kuba fast alles von der Präsenz zweier Männer abhing, nämlich einerseits von Castro, ein mitreißender Mann – wie andere über ihn sagten –, ein Revolutionär von "tellurischer Kraft". Ohne Castro wäre es nie zu dem Sieg der Revolution gekommen. Andererseits hing die Revolution ab von der Präsenz Batistas, einem ungewöhnlich unfähigen Diktator. Eine solche Kombination hatte es nirgends, selbst nicht in Südamerika gegeben und wird es auch so schnell nicht wieder geben. Jedenfalls sind alle revolutionstheoretischen Vorhersagen mit Kuba als Muster oder Beispiel völlig abwegig.

ZEIT: "Kuba" galt einmal auf der sozialistischen Linken in Europa, als Symbol einer "beispielhaften" Revolution im "Kampf gegen den ‚Weltimperialismus‘". Inzwischen haben derlei Großbegriffe an Reiz verloren. Ist es möglich, daß Figuren wie Fidel Castro und "Che" Guevara lediglich reizvoll und beispielhaft für eine ebenso romantische-aktive wie andererseits in Europa unmögliche, heldische Existenz waren?

Laqueur: Genau, ich glaube, damit beschreiben wir die wirkliche Bedeutung dieser Menschen. Castros und Guevaras Ideen und Philosophien – nun, die existierten praktisch gar nicht. Kubas Anziehungskraft gründete nicht auf einer neuen "Philosophie der Revolution". Nein, Castro und Guevara waren romantische Helden. In einer Zeit, in der die russische und die chinesische Revolution fast alles von ihrer Attraktion verloren hatten und in der sie langweilig wurden und erstarrt waren, in dieser Zeit also schien plötzlich in einem kleinen Land eine neue, ungeheuer vitale Kraft am Werk. Und das hat die Neue Linke fasziniert.