Wieder und wieder betrachtete er die Filmaufzeichnung aus dem kleinen Provinzstädtchen in Creil unweit von Paris. Für die Kameraleute herrschten bei diesem Europameisterschaftskampf im Weltergewicht in der schlecht beleuchteten, engen Sporthalle miserable Bedingungen; doch die Bilder sagen genug.

Sie zeigen, wie der Franzose Alain Marion in der 15. Runde auf Jörg Eipel zukommt. Ein schwerer rechter Haken – Eipel geht zu Boden. Bei "9" steht er wieder, weicht zurück, hat sichtlich Angst. Sein Gegner setzt nach, trifft ihn mehrfach am Körper. Eipel fällt in die Seile, schlägt mit dem Hinterkopf außerhalb des Rings auf den dort ungepolsterten Boden auf. Im Unterbewußtsein kömmt er nochmals hoch, will in seine Ecke, die Beine versagen den Dienst, er fällt ins Nichts.

Was dann folgt, zeigt der Film nicht. Trotz sofort angesetzter Sauerstoffmaske setzt das Herz aus, geistesgegenwärtig nimmt ein Feuerwehrmann eine Herzmassage vor und hält den Boxer am Leben.

25 Tage später erwacht der damals 20jährige Jörg Eipel nach einem schweren Gehirntrauma auf der Intensivstation eines Pariser Krankenhauses aus der Bewußtlosigkeit, abgemagert auf 50 Kilogramm. Seither sind zehn Monate vergangen. Eipel hat mit 69 Kilo wieder sein bestes Kampfgewicht. Die Zeit legte über seine Wunde am Hinterkopf einen dichten schwarzen Haarteppich. Lediglich die am Kehlkopf abwärts laufende, meist von einem Pulli verdeckte Narbe erinnert an die dramatischen Stunden, als Blut in seine Lunge floß und einen Luftröhrenschnitt erforderlich machte.

Sein Manager, weiß der Trainer zu berichten, habe damals geäußert, der wache nie wieder auf. Und wenn, dann werde er nie wieder gesund. Er ist gesund geworden, meint Trainer Werner Papke, der Jörg seit dessen zwölftem Lebensjahr betreut und ihn offenbar nicht allein lassen will. Papke rief damals als einziger "mea culpa", immerhin bemerkenswert in diesem Metier. Den Lesern einer Boxfachzeitschrift schilderte er seinen Fehler, den hübschen Jörg in der schwereren Weltergewichtsklasse eingesetzt zu haben. Dazu fehlte ihm damals die Substanz. Jetzt aber sei er wieder hungrig und wolle es allen zeigen.

"Man hat gesagt, Eipel wird nie wieder boxen", sagt Werner Papke mit Trotz in der Stimme, doch Weisen, daß ein bereits Totgesagter durchaus noch Europameister werden kann. Den Einwurf, daß man dann wohl daran denken müsse, einen Sarg zu bestellen, läßt Eipels Rechtsbeistand Dr. Wulffius nicht gelten. Es gehe nicht darum, ob er noch einen Unfall erleide, sondern um die Tatsache, daß er völlig gesund sei. Und er läßt keinen Zweifel daran, die freie Berufswahl seines Mandanten notfalls per Gerichtsbeschluß durchzusetzen. Boxer, Anwalt und Trainer reden also von einem Neubeginn. Letzterem wäre lieber, Jörg würde es nicht mehr in den Fäusten jucken; aber sein Schützling ist extrem ehrgeizig und will unter allen Umständen in einem Revanchekampf gegen den Franzosen Marion den Titel zurückerobern. "Wenn ich sehe", sagt Trainer Papke, "wie Jörgs Augen strahlen, wenn er den Sandsack schlägt, welchen Willen und welche Energie der Junge aufbringt, dann weiß ich, daß er nur beim Boxen wieder glücklich werden kann."

Acht Jahre hat Jörg Eipel morgens, mittags und abends trainiert, nie etwas anderes gemacht, von einem kurzen Zwischenspiel als Eisverkäufer im Geschäft seines Managers abgesehen; das er wegen Untauglichkeit schnell wieder abbrechen mußte. Seit Monaten steht Jörg wieder im harten Training. Daß es schwerfällt, geeignete Sparringspartner zu finden, glauben nur ahnungslose Außenstehende.