Uwe Seeler drückte mir vier Photos in die Hand. Sie zeigten jeweils Björn Borg, Franz Beckenbauer und ein älteres Ehepaar auf einem Sofa in einer New Yorker Hotelsuite. "Franz hat sie mir geschickt. Björn soll sie unterschreiben und ich schicke sie ihm dann zurück. Du siehst Björn Borg doch gleich" – ein Streiflicht nur und doch symptomatisch: ein Tennisstar als Kosmopolit.

Vor drei Wochen noch in New York, drei gewonnene Turniere in der vergangenen Woche in Europa mit Essen, Genf und Hamburg als Stationen, und sein Auftreten in dieser Woche bereits wieder in Tokio machen deutlich, daß der Ausdruck Tennis-Zirkus keine Metapher mehr ist. Hier wie dort zeigen Artisten ihre Künste, die Tennis-Optimisten als harten sportlichen Wettkampf bezeichnen, Pessimisten aber als reine Schauschlägerei abqualifizieren, weil Gags und garantierte Gagen im Vordergrund stünden.

Wer wie ich das Hallen-Turnier vom 19. bis 21. Oktober in Hamburg erlebt hat, bei dem insgesamt 160 000 Dollar von acht Teilnehmern gewonnen werden konnten, kann beide Reaktionen – beim Hamburger Publikum heftig diskutiert – verstehen. Stellvertretend für die eine Richtung mag Björn Borg gelten, der auf meine Frage nach dem Fazit des Hamburger Turniers eine einfache Formel fand: "Gewinnen ist immer schön."

Doch auch die Pessimisten fanden sich bestätigt. Vitas Gerulaitis, immerhin vierter der Weltrangliste, verstand sich mehr als Entertainer denn als Tennisspieler: er unterhielt sich mit dem Schiedsrichter, den Zuschauern und schließlich während des Spiels mit seinem Gegner Wojtek Fibak. Ein Sakrileg in dieser Sportart, bei der vor jedem Aufschlag und während des Ballwechsels um absolute Ruhe gebeten und auch gewährt wird – eine Kunst für Kenner eben.

Wojtek Fibak kritisierte Gerulaitis dann auch später bei einem Gespräch heftig: "Ich habe ihm gesagt: Denk zweimal nach, bevor du redest." Doch Vitas Gerulaitis habe nicht aufgehört, weil er gewußt habe, daß er verliere. – Wojtek Fibak, immerhin 14. der Weltrangliste, artikulierte nur das, was die Zuschauer schon vorher empfunden hatten. Denn auch beim Doppel mit seinem Partner Sandy Mayer, mit dem zusammen er 1975 Wimbledon-Sieger geworden war, machte Gerulaitis Mätzchen, anstatt zu kämpfen.

So verloren sie gegen ein Doppel, das in Hamburg überhaupt zum erstenmal zusammenspielte, den Engländer Mark Cox und den Schweizer Heinz Günthardt, lamentierend, lachend, locker. Trotz allem verdiente Vitas Gerulaitis noch 14 000 Dollar. Die gesamten Aufenthaltskosten übernahmen die Veranstalter zusätzlich.

Claus-Jürgen Meyer, der Mit-Initiator und Macher dieser Veranstaltung, relativiert diesen Aspekt durch den Hinweis, daß eine solche Abwicklung international üblich sei. Für ihn und seine Geschäftspartner sei das Hauptmotiv gewesen, "die norddeutsche Tennisszene zu beleben und vor allem Björn Borg zu präsentieren". Die Stichworte zur Entwicklungsgeschichte, den derzeit besten Tennisspieler der Welt nach Hamburg zu holen, belegen nochmals die These, daß, wer Spitzensport im Tennis will, den Zirkus mitmachen muß.