Die Köpfe haben aufgehört zu rauchen. Nach drei Monaten erbitterten Figurenschiebens war im Machtkampf um die Schachkrone ein Sieger zu melden. Habemus Toljam! Der neue Papst des Schachs ist der alte. Um den unpassenden sakrilegischen Vergleich nicht zu weit zu treiben: Was sich in den 92 Tagen des Weltmeisterschaftskampfes zwischen den Großmeistern Anatolij ("Tolja") Karpow und Viktor Kortschnoj im philippinischen Baguio abgespielt hat, war alles andere als ein Konklave der Denker.

Es wurde mit allen Mitteln gekämpft, und das heißt: nicht immer nur mit dem Kopf. Kein Schachduell des klassischen, eher eines ziemlich freien Stils, bei dem die Kontrahenten neben Damen, Türmen, Springern, Bauern allerlei zwielichtige Joker der psychologischen Kriegsführung zogen. Die Zeichen standen auf Sturm spätestens seit der zweiten Partie, als Karpow Kortschnojs provozierende Joghurt-Variante nicht, wie in der Literatur empfohlen, flexibel mit der Milch frommer Denkungsart konterte, sondern unter Protest auf einen Becher Joghurt anderthalbe setzte.

Ein Kampf, ebenso verbissen wie manchmal komisch. Die Erscheinungsformen totaler Konfrontation in dieser (soll man sagen: sportlichen?) Auseinandersetzung zweier Geistesathleten steigerten sich vom verweigertenHändedruck über den bösen Blick hypnotischer Zwangsvorstellungen bis zur Mobilisierung eines Suchkommandos der philippinischen Atomenergiebehörde, das gerufen wurde, Viktor Kortschnojs abenteuerliche Behauptung zu überprüfen, die gegnerische Seite strahle ihn radioaktiv an. Die Staatsaktion der Geigerzähler in der Arena der karierten Strategien fand unter strengster Geheimhaltung statt – zum Glück, denn so bleibt allen Freunden des Schachs die Möglichkeit, es einfach nicht zu glauben.

Karpow gegen Kortschnoj – das war wie ein Boxkampf mit anderen Mitteln, mit einem über alle Runden fortgesetzten Ballyhoo. Karpow, den seine Freunde den "sanften Tolja" nennen, und Kortschnoj, mit dem Beinamen "der Schreckliche", schlugen einander aus Geisteskräften auf die empfindliche Psyche und scheuten auch Tiefschläge nicht. Wobei der Vergleich den Jüngern des Boxhandwerks Unrecht tut – die reichen auch nach dem härtesten Abtausch dem Gegner versöhnlich den Handschuh rüber. In Baguio agierten die Figuren eher nach Catcherart: "Der sanfte Tolja" und "Viktor der Schreckliche" am Demonstrationsbrett von Schach-as-Schachcan.

Proteste, Beschimpfungen, Beleidigungen –immer wieder verlagerten die Parteien ihre Kampfhandlungen vom Brett der 64 Felder auf das 65. Feld der persönlichen Attacke. Nie zuvor war die Atmosphäre bei einer Schachweltmeisterschaft so vergiftet, so offenkundig von Mißtrauen und Feindseligkeit geprägt.

Nie zuvor auch stand so viel Geld auf dem Spiel: rund 470 000 Dollar für den Sieger, 260 000 für den Verlierer – rein börsenmäßig ist da noch ein bißchen Abstand zu einem "Boxkampf des Jahrhunderts", aber immerhin: die Richtung stimmt. Trotzdem war der schnöde Mammon wohl nicht schuld am rapiden Verfall der Sitten. Allzu deutlich hatten persönliche Gründe und politische Hintergründe die scharfe Gangart vorbestimmt.