Seit dem vergangenen Sonntag geht es in Hamburgs Kulturpolitik nicht mehr bloß darum, wer demnächst welchen Intendantenposten besetzt; geht es nicht mehr bloß um Boy Gobert oder Dieter Dorn, um Ivan Nagel oder Peter Zadek. Es geht um die (noch wichtigere) Frage, ob der zur Förderung der Kultur bestellte neue Senator Wolfgang Tarnowski (SPD) seiner, zugegeben heiklen, Aufgabe sachlich und politisch gewachsen ist. Kaum etwas spricht noch dafür, – und das ist nicht nur eine Hamburger Lokalaffäre mit teilweise grotesken Begleiterscheinungen, nicht nur ein Kulturgezänk aller gegen alle, sondern ein Lehrstück für die ganze Republik – zeigt es doch beispielhaft der Allmächtigen Ohnmacht, der Zuständigen. Unzuständigkeit.

Der Kultursenator Tarnowski ist der Ansicht, Boy Gobert sei der beste Intendant für das Deutsche Schauspielhaus; und ist bereit, für Goberts Verbleiben in Hamburg nahezu jeden Preis zu bezahlen. Das ist sein Recht. Tatsächlich gibt es einige Gründe für die Meinung, Gobert sei ein geeigneter Kandidat. Es gibt, meine ich, mehr Gründe, dieser Meinung nicht zu sein. Aber darum geht es jetzt gar nicht. Sondern um die klägliche, würdelose Politik, mit der Tarnowski seinen Kandidaten durchzusetzen versucht. Statt von Anfang an zu sagen, wen er favorisiert, spielt er (schlecht) die Rolle des Lernwilligen, auf alle Vorschläge Neugierigen. Statt öffentlich für seinen Favoriten einzutreten, erlaubt er es, daß ein monatelanger, am Ende alle Kandidaten, vor allem auch Boy Gobert, diskreditierender Klassenkampf Stattfindet. Statt zuzugeben, daß ihm vor allem eine Art Theater, die von Peter Zadek, von Herzen zuwider ist, heuchelt er zustimmendes Interesse, nennt den „Othello“ plötzlich eine „gute Aufführung“. Und als er merkt, daß ihm dieses Bekenntnis niemand abnimmt, korrigiert er sich, „Othello“ sei „ein interessantes Stück“ (Shakespeare läßt danken!), Wildgruber leider „ein schlechter Schauspieler“. Und so, auf diesem Niveau, weiter.

Der Kultursenator Tarnowski ist ein Anfänger in seinem Amt. Das ist keine Schande. Und daß er gleich am Anfang seiner neuen Laufbahn die schwierigste aller Aufgaben lösen soll, sichert ihm fast so etwas wie Mitgefühl. Doch wenn er sich, wie am Sonntag, in einer öffentlichen Diskussion mit dem Ensemble im Malersaal des Schauspielhauses, öffentlich rühmt, mit mehreren Kandidaten „hochqualifizierte Gespräche“ geführt zu haben, einige seiner Gesprächspartner sich aber nur an eher unqualifizierte, unverbindliche, traurig machende Plaudereien erinnern können, dann müßte das Tarnowski doch wenigstens einen Moment lang am eigenen Verhandlungsgeschick zweifeln lassen.

Der Schauspieler Dietmar Mues, Sprecher des Schauspielhaus-Ensembles, erinnerte den Senator an die Intendanten-Wahl 1971: damals gab es eine Findungskommission, damals gab es Gespräche der Kandidaten mit der Belegschaft, ein Minimum also von Sachverstand und Demokratie. Wieso, fragte Mues zu Recht, traue es sich der Senator 1978 zu, im Alleingang, nur auf Grund „hochqualifizierter Gespräche“, zu entscheiden? Tarnowski mochte darauf keine Antwort mehr geben – er verließ die Stätte der Diskussion mit der Begründung, an einem „haßerfüllten Happening“ wolle er nicht teilnehmen.

Womit der Senator aufs neue seine intimsten Ressentiments preisgegeben hätte; denn ein Happening, was immer das sein mag, war diese Veranstaltung gewiß nicht. Sondern eine erregte, überwiegend sachliche bis polemische Debatte. Wer sich einer solchen Diskussion stellt, bei der es für die Mitglieder des Ensembles immerhin um ihre berufliche Existenz geht, muß dieser Diskussion auch standhalten. Darf nicht/ ein paar beleidigende Zwischenrufes zum Vorwand nehmen, davonzulaufen. Wie er sich zukünftige Kulturdiskussionen in Hamburg vorstellt, das jedenfalls hat der Senator mit seinem beleidigten Abgang demonstriert.

Das schlimme Ende eines schmählichen Auftritts. Kurz zuvor nämlich hatte Tarnowski seine Diskussionsgegner als „eine lächerliche Minderheit“ zu charakterisieren beliebt. Ganz abgesehen davon, daß sich die Mehrheitsverhältnisse in dieser Affäre kaum feststellen lassen – eine Minderheit „lächerlich“ zu nennen, ist eine gerade für einen Sozialdemokraten unglaubliche Formulierung; für den Angehörigeneiner Partei, die in ihrer Geschichte oft, und das mit guten Gründen, Minderheit war. Zur Sache sagte der Senator wenig: daß er Nagel und Zadek für unzuverlässig halte, Boy Gobert dagegen „ein gestandener Intendant“ sei. Statt endlich ernstzunehmend für seine Position zu argumentieren, redet Tarnowski von „gestandenen Männern“: eine abgestandene Formulierung, mit der er seinem gestandenen Kandidaten auch nicht gerade hilft.

Verräterische Vokabeln: von „gestandenen Männern“ (in der SPD) redet auch die CDU in ihrer Kampagne gegen Hans-Ulrich Kloses Versuch, den Radikalen-Beschluß zu korrigieren. Es wird die aufgebrachten Christdemokraten trösten, daß wenigstens auf dem Gebiet der Kultur einer da ist, der ihre Werte noch verteidigt; der verbissener, als es jeder CDU-Mann könnte, für eine Honoratioren-Kultur kämpft. Noch ein paar hochqualifizierte Gespräche des Kultursenators – und Hamburg ist wenigstens seine Kunst-Radikalen los.