Das Kölner Auktionshaus Lempertz mußte sich Fahrlässigkeit nachweisen lassen

Was den Engländern recht ist, soll uns Deutschen billig sein. Nach diesem Motto ging das Kölner Kunstauktionshaus Lempertz – getreu dem Vorbild der Londoner Firmen Sotheby und Christie – Ende August dieses Jahres in Bayerns Hauptstadt auf Kundenfang. "Vom 30. August bis 2. September 1978", annoncierten die Rheinländer in der Süddeutschen Zeitung, "stehen Ihnen unsere Experten in München für Fragen der Auktionseinlieferungen im Hotel Bayrischer Hof... zur Verfügung. Um Anmeldung wird gebeten."

Den Angemeldeten, so darf man wohl unterstellen, wird nichts Nachteiliges über die Kölner Versteigerer erzählt worden sein. Aufschlußreicher hinsichtlich der Geschäftspraxis des Hauses Lempertz im speziellen sowie der Risiken von Kunstauktionen im allgemeinen wäre für die Besucher ein Prozeß gewesen, der jüngst vor der 9. Zivilkammer des Landgerichts München stattfand.

Verhandelt wurde dort die Klage des Lempertz-Geschäftsführers Reiner Schütte, eines Doktor jur., gegen den Münchner Kunstmarkt-Journalisten Reinhard Müller-Mehlis, der im Handelsblatt und im Münchner Merkur über ein bei Lempertz versteigertes Bild berichtet hatte, das erst in jüngster Zeit gefälscht worden war. Vordergründig ging es in dem Verfahren um die Frage, ob Reiner Schütte persönlich vor den Zeitungsberichten etwas von dem Fälschungsverdacht gewußt habe. Er hatte nicht, wie zwei Mitarbeiter und der geschäftsführende Lempertz-Geschäftsführer Henrik Paul Hanstein (der sich – trotz nur kurzen Kunststudiums. – vor Gericht kurzerhand zum Kunsthistoriker machte) unisono erklärten.

Hauptsächlich freilich wurde deutlich, wie sorglos bei Lempertz auf einen Fälschungsverdacht reagiert wird, wie wenig mögliche Geschädigte beachtet werden und was die Experten des Hauses alles nicht wissen.

Im Mittelpunkt des Prozesses stand das Bild "Liebespaar mit der Ansicht Von Wasserburg", das der Kölner Kunsthändler und vereidigte Sachverständige L. N. Malmede zur 552. Lempertz-Versteigerung eingeliefert hatte, das dort am 14. Juni 1976 als ein Werk des Meisters von Mühldorf versteigert und dem Salzburger Kunsthändler Camillo Kodric für 30 000 Mark zugeschlagen wurde.

Alles an diesem Bild erwies sich als dubios. Über die Herkunft zum Beispiel schrieb Kodric-Anwalt Josef Walzel im Oktober 1977 an das Kunsthaus Lempertz: "Bei meinen Ermittlungen bin ich bereits auf eine Reihe von mysteriösen Gegebenheiten gestoßen. Bis jetzt bin ich bis zu dem Komplex Frau R. Martin vorgestoßen. Bekanntlich hat Herr Malmede das Bild von einer Frau R. Martin, München, Gabelsberger Straße 51/1 im Jahre 1967 erworben, die es als aus altem Familienbesitz stammend bezeichnet, habe. Bereits eine einfache Nachschau ergab, daß das Haus in München, Gabelsberger Straße 51 ein Bürohaus ist, in dem sich drei Büros befinden und in dem niemanden von der Existenz oder dem Namen von Frau Martin auch nur das Geringste bekannt ist."