Zum Tode von Jean Améry

Von Horst Krüger

Lieber Jean,

wir haben viele Briefe gewechselt, wir haben viele Gespräche geführt, früher einmal. Du warst auch ein treuer und fleißiger Briefschreiber. Ich kann jetzt nicht einen Nachruf schreiben, ganz von oben herab: Er war, er könnte, er wollte. Du warst mir zu Zeiten nahe. Ich kann also nur sehr persönlich beginnen.

Als ich Mittwoch letzter Woche in den Mittagsnachrichten des Radios von Deinem Freitod hörte – in einem Salzburger Hotel morgens tot aufgefunden, Medikamentenvergiftung, drei Abschiedsbriefe –, da war ich einen Augenblick lang wie betäubt. Später verschob sich das leicht: Eine merkwürdige Art von Einverständnis geriet in meine Zerstörungen, Das wird nun, Vermute ich, eingehen in Dein Erinnerungsbild; Verstörung mit einer ratlosen Art von Zustimmung. Du hast uns alle verstört, aber es hatte wohl seine Richtigkeit so – für Dich.

Wer Dich gut kannte, Wer Dich nur sehr genau gelesen hatte (und das genügte vollauf um Dich zu kennen), könnte eigentlich nur bestürzt sein über den Augenblick Deines Endes, Buchmessenzeit, Lesezeit, Zeit der kleinen Euphorien und Dein neuer Roman-Essay dazu, Charles Bovery Landarzt – Du standst nicht mit leeren Händen da. Aber, was wissen wir? Möglich, daß Äußerliches, Zufälliges übermächtig wurde, das Wetter zum Beispiel oder andere Elemente von Depressionen, das Auf und Ab eines ruhelosen Schriftstellerlebens, viel unterwegs.

Die Sache selber aber schien gleichwohl beschlossen bei Dir, im Prinzip? Offenbar spürtest Du ganz in der Tiefe: Das war es gewesen, Dein Stück Leben, zu dem Du "ja" sagen konntest. Den Rest wolltest Du nicht, nicht so, wie Du ihn kommen sahst. Wo liegt die Grenze? Du hast auf der Höhe Deiner Zeit Schluß gemacht. Ich sage nicht vollendet. Ich sage nur: Der Wille, nur Fragment, nur Bruchstück sein, war immer Deine Sache. Durch dieses radikale Ende bekommen all Deine Texte einen leisten Härtegrad. Essay als Existenz. Es war nur ein Versuch zu leben: Dein Leben.